Julie und Margarete Strauss

Judenhaus, Wiesbaden, Emser Str. 26. a Leopold Katzenstein, Dorothea Katzenstein, Julie Strauss, Margarete Strauss, Johanna Pfeiffer
Stammbaum der Familien Katzenstein – Strauss – Pfeiffer
(GDB-PLS)

Julie Strauss, war Leo Katzensteins ältere Schwester, die im Jahre 1898 Hermann Strauss geheiratet hatte.[1] Beide betrieben in Barchfeld an der Werra eine typische ländliche Gemischtwarenhandlung.[2] Ein Jahr nach der Hochzeit, am 28. April 1899, war die Tochter Margarete geboren worden. Noch bevor die Nazis in Deutschland an die Macht gelangten, war Julies Ehemann verstorben. Die ohnehin eher bescheidenen Umsätze gingen unter den neuen politischen Verhältnissen immer weiter zurück, sodass Julie Strauß bereits im September 1936 das Geschäft zunächst an einen arischen Kaufmann verpachtete, es dann im März 1937 ganz aufgab.[3] Am Ende ihres beruflichen Lebens verfügte sie über keinen großen Reichtum. Das Haus, in dem auch das Geschäft untergebracht war, wurde mit knapp 8.000 RM taxiert, der Wert des Geschäfts betrug nicht einmal 2.000 RM. 3.000 RM hatte sie bei der Deutschen Bank in Wertpapieren angelegt.[4] Da keine Devisenakte mehr existiert, kann man nur vermuten, dass auch für sie eine Sicherungsanordnung erlassen wurde.

Auch ist nicht bekannt, ob sie das Haus in Barchfeld noch verkauft hat, bevor sie bald nach der Geschäftsaufgabe ihre thüringische Heimat verließ und nach Wiesbaden zog, wo sie seit dem 15. Oktober 1937 polizeilich gemeldet war. Inzwischen lebte hier nicht nur der Bruder mit seiner Frau, sondern auch die Tochter Margarete, die hier eine Stelle als Buchhalterin gefunden hatte. Im Jüdischen Adressbuch von 1935 ist sie bereits mit der Adresse Luisenplatz 3 eingetragen, die Mutter hatte zunächst eine Wohnung im Nachbarhaus Luisenplatz 2 II gefunden.[5]

Am 1. April 1939 –also noch vor der Einrichtung der Judenhäuser – zog sie in die Emser Str. 26a. Anders als diese der Gestapo-Karteikarte entnommene Angabe, war der Mietvertrag, den ihr Bruder ganz förmlich mit ihr abschloss, auf den 1. Mai 1939 datiert.[6] Ob sie aus ihrer alten Wohnung herausgedrängt worden war oder ob der Wohnungswechsel freiwillig zustande kam, vielleicht in der Hoffnung hier im Haus der Verwandten eine sichere Heimstatt zu finden, ist nicht zu sagen. Vermutlich war auch Margarete damals mit umgezogen, denn bei der Volkszählung im Mai 1939 wurde sie wie auch ihre Mutter mit dieser Anschrift registriert. Über die weiteren Jahre ihres Lebens bis 1942, besonders über ihre Zeit im Judenhaus, ist nichts bekannt.[7]

Auf der Gestapo-Karteikarte von Julie Strauss, eine eigene für Margarete wurde nicht angelegt, ist noch festgehalten, dass die Tochter arbeitsfähig, die Mutter aber erkrankt sei. Als Margarete Strauss am 10. Juni 1942 nach Lublin deportiert wurde, hatte man kein Interesse mehr an ihrer Arbeitsfähigkeit. Sie sollte nur noch vernichtet werden. Wie nahezu all die anderen Insassen wurde sie nach ihrer Ankunft zu einem nicht genau bestimmbaren Zeitpunkt in die Gaskammern von Sobibor getrieben.

Die gebrechliche 67jährige Mutter hatte man für den Transport am 1. September 1942 nach Theresienstadt vorgesehen. Zu dieser Zeit war das sogenannte Altersgetto bereits völlig überfüllt. Obwohl täglich eine große Zahl durch Hunger und Krankheit dahingerafft wurden, stieg die Zahl der Insassen durch den ständigen „Nachschub“ aus dem Altreich immer noch weiter an. Durch insgesamt 8 Transporte mit jeweils etwa 2.000 Menschen in das Vernichtungslager Treblinka sollte Platz für die nachkommenden Juden geschaffen werden. Der Ältestenrat musste auf Befehl der Lagerkommandantur alle deutsch-österreichischen Juden per Fragebogen, in dem Alter, Beruf u. ä. erfasst wurde, registrieren. Die ausgefüllten Fragebögen wurden von der Kommandantur als Grundlage für die Auswahl derjenigen herangezogen, die in den Tod geschickt werden sollten. Eine an sich völlig sinnlose Aktion, die bestenfalls zur Tarnung des Vorhabens dienen konnte, denn den Selektierten war gesagt worden, dass sie in ein anderes Getto gebracht würden. Man fuhr die Schwächsten – das Durchschnittsalter betrug 72 Jahre – sogar mit Lastwagen zu dem 3 km entfernten Bahnhof. Dennoch sollen bereits unterwegs die ersten verstorben sein. Auch die Leichen wurden in die völlig überfüllten Waggons gestopft. Einige wenige Jüngere sollen am Bahnsteig noch zum Arbeitseinsatz abkommandiert worden sein. Aber auch von diesen ist keiner dem Tod entkommen. Am 29. September 1942 verließ der Zug mit der Kenzeichnung „Br“ den Bahnhof. Am 2. oder 3. Oktober musste er sein Ziel Treblinka erreicht haben. Unmittelbar nach dem Einlaufen des Zuges wurden alle Insassen in die Gaskammern getrieben und ermordet.[8]

(Stand: 1.10.2018)

 

 

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Anmerkungen:

 

[1] Siehe zum familiären Hintergrund die Ausführungen zu Leo Katzenstein und seiner Familie oben.

[2] Die Tatsache, dass der Firmenname ‚J.H. Strauss, jun.’ war, lässt darauf schließen, dass der Laden schon länger im Familienbesitz ihres Ehemanns war, HHStAW 685 797.

[3] HHStAW 685 797 (38, 40).

[4] HHStAW 685 797 Vermögenserklärung 1935.

[5] HHStAW 685 797 (51). Da nicht alle Angaben im Jüdischen Adressbuch stimmen, ist nicht auszuschließen, dass Mutter und Tochter auch zusammen am Luisenplatz 2 gewohnt haben.

[6] HHStAW 519/2 2221 Bd. 2 (o.P.).

[7] Außer der Steuerakte aus Barchfeld, HHStAW 685 797, die aber schon mit dem Jahr des Umzugs nach Wiesbaden abschließt, sind im HHStAW für beide keine weiteren Akten vorhanden.

[8] Siehe zu diesem Transport http://db.yadvashem.org/deportation/transportDetails.html?language=de&itemId=5091986. (Zugriff: 21.11.2017). Hier kann auch auf die Namensliste der Opfer zugegriffen werden. Frau Ellmann-Krüger, die Enkelin der Halbschwester von Leopold Katzenstein und Julie Strauss, Selma Katzenstein, verheiratete Ebstein, hat in Yad Vashem eine „Page of Testimony“ für ihre Großtante hinterlassen, siehe https://namesfs.yadvashem.org/YADVASHEM/new_app/200503311544_294_7890/2.jpg. (Zugriff: 21.11.2017).