Helene Louise Wolff

Helene Wolff war mit ihrem Einzug am 1. Juli 1940 die im eigentlichen Sinn erste Judenhausbewohnerin in der Emser Straße. Alle bisher genannten hatten bereits dort gewohnt, bevor es diese Funktion erhielt. Auch war ihr Umzug nach Angaben des Sohnes Hans Eduard definitiv erzwungen worden.[1]

Zuvor hatte die Familie Wolff in der Friedrichstr. 39 gewohnt, wo auch die Geschäftsräume lagen. Der Ehemann von Helene Wolff, den sie am 12. Juni 1894 geheiratet hatte, war der am 1. Februar 1854 in Kreuznach geborene Heinrich Wolff.[2] Er hatte seit 1884 in Wiesbaden mit großem Erfolg eine Musikalienhandlung aufgebaut und sich immer mehr auch als Konzertveranstalter profiliert. Zunächst residierte die Firma in der Wilhelmstr. 16, war aber dann um 1918 in die Friedrichstraße verzogen.

Noch in der Wilhelmstraße waren die beiden Söhne geboren worden, Julius Hermann am 29. April 1895 und Hans Eduard am 25. Februar 1905.

Heinrich Wolff Klaviere Flügel
Werbezettel der Firma Wolff – HHStAW 518 4251

Wie aus Anzeigen der Firma hervorgeht, konnte man bei Wolff alle nur möglichen Musikinstrumente kaufen, spezialisiert war man aber auf Flügel und Klaviere. Man hatte die Vertretung für „Steinways & Sons“ und andere bedeutende Klavierbauern, wie etwa die Firma Bechstein, für die man sogar ein Monopol im heimischen Raum besaß.[3]

Wichtiger als der Verkauf scheint für das Geschäft aber die Vermietung von Instrumenten gewesen zu sein, hauptsächlich die von Klavieren und Flügeln. Kunden waren nicht nur betuchte Bürger, die ihren Töchtern eine gemäße musische Bildung angedeihen lassen wollten, sondern auch professionelle Künstler, die bei ihren Engagements in Wiesbaden gerne auf die Instrumente der Firma Wolff zurückgriffen.

Nicht minder bedeutend war der Ruf von Heinrich Wolff als Musikagent und Konzertveranstalter. Geradezu euphorisch war die Kritik des Festkonzerts, das anlässlich des 40jährigen Jubiläums 1925 der „Konzertdirektion Heinrich Wolff“ im Casino in der Friedrichstraße zur Aufführung gebracht wurde. Kein Geringerer als Otto Klemperer, der vom Publikum mit „seiner Künstlerschar begeistert gefeiert“ wurde hatte dabei die Leitung übernommen. In der Kritik heißt es unter Bezugnahme auf den Veranstalter: „Diese Firma – ursprünglich mehr nur auf Musikalien- und Klavierhandel eingestellt – hat sich auch in all der Zeit, namentlich aber im letzten Jahrzehnt, so intensiv mit dem Arrangement von Konzerten befasst, dass sie mit den älteren Wiesbadener Konzertvereinen nicht unrühmlich in die Schranken trat und unserem Musikleben manch schon bewährte und auch viel neu aufstrebende frische Kräfte zuführte.“[4]

Drei Jahre später, diesmal war der hundertste Todestag von Franz Schubert 1928 der Anlass, hatte die „Agentur Wolff“ wieder ein Konzert arrangiert, das den Kulturredakteur vermutlich der lokalen Wiesbadener Zeitung, erneut ins Schwärmen brachte: „Die Konzertdirektion Heinrich Wolff, welche im Laufe der letzten Jahre durch die Veranstaltung ausgezeichneter Konzerte, in denen man eine große Anzahl hervorragender Musikvirtuosen aller Gebiete hörte, zu bester Wertschätzung im Wiesbadener Kunstleben gelangt ist, eröffnete gestern abend (! sic) im Zivilkasino die für diesen Winter beabsichtigte Konzertserie. So viel man aus den Voraussagen schließen kann, stehen auch dieses Mal prächtige Kunstgenüsse aller Art bevor, die einer jeden Geschmacksrichtung Rechnung tragen.“[5]

Aber nicht nur im kulturellen Leben Wiesbadens war er eine Persönlichkeit, er engagierte sich auch in hiesigen Vereinen, war „Turngauführer“ und wichtiger noch, als Stadtverordneter in der Kommunalpolitik aktiv.

Heinrich Wolff Konzertrezension
Artikel über ein Konzert der Agentur Wolff –
HHStAW 518 4251

Als die zitierten Kritiken geschrieben wurden, war Heinrich Wolff bereits tot. Schon bei dem Jubiläumskonzert im Jahr 1925 war der im Februar 1919 Verstorbene nicht mehr dabei. Er habe “ja leider diesen Ehrentag seines Hauses nicht mehr erlebt; doch des Verstorbenen werden gestern viele alte Freunde eingedenk gewesen sein“, so in einem anderen Artikel über diesen Konzertabend.[6]

Sein Tod konnte den Erfolg der Konzertagentur zunächst nicht beeinträchtigen, denn seine Frau Helene übernahm nicht weniger engagiert die Rolle ihres verstorbenen Mannes.

Es sollen jährlich um die 50 Konzerte gewesen sein, die in der Hochzeit der Agentur, in der Zeit als Wiesbaden noch den Ruf einer Weltkurstadt hatte, aber auch noch in den zwanziger Jahren, mit internationalen Künstlerinnen und Künstlern organisiert und zur Aufführung gebracht wurden. Größen wie Gustav Mahler, Richard Strauss und die Dirigenten Carl Schuricht oder Otto Klemperer konnten damals verpflichtet werden. Dem weiteren Aufstieg der Agentur stand eigentlich nichts im Wege, zumal als Nachfolger des Unternehmens der jüngere Sohn Hans Eduard systematisch in den Beruf eingeführt wurde. [7]

Nach seinem Abitur am Reform-Realgymnasium, der heutigen Oranienschule, machte er zunächst eine kaufmännische Lehre bei der allerdings zu einer gänzlich anderen Sparte gehörenden chemischen Fabrik Goldberg.[8] Aber schon während der Schulzeit hatte er seiner Mutter im Geschäft und bei der Organisation von Konzerten geholfen. Etwa ab Mitte der Zwanziger Jahre gehörten auch die Veranstaltungen der „Literarischen Gesellschaft“, damals noch unter dem Vorsitz von Hans Olden, zum Programm der Agentur.[9]

Zur weiteren technischen Ausbildung ging Hans Eduard nach seiner Lehre noch zur bekannten Klavierfabrik Schiedmayer & Söhne nach Stuttgart, anschließend als Volontär nach Hamburg zu „Böhme“, einer der damals führenden deutschen Konzertagenturen, die in jüdischer Hand war. Man war mit seiner Arbeit so zufrieden, dass ihm nach dem Volontariat eine Festanstellung angeboten wurde. Von dieser Position aus konnte er seine Mutter sogar noch besser unterstützen. So gelang es ihm durch die Zusammenarbeit der beiden Agenturen u. a. Größen wie Vladimir Horowitz nach Wiesbaden zu bringen.

Es war eine Zeit, in der von der „Verjudung der Musik“ nur in bestimmten Zirkeln die Rede war, noch hatte diese antisemitische Stimmungsmache die Massen nicht erreicht, schon gar nicht das Wiesbadener Bildungsbürgertum. Das änderte sich dann aber Anfang der Dreißiger Jahre deutlich. Der Niedergang der Konzertagentur Wolff war sicher primär Folge der globalen Wirtschaftskrise, wurde aber durch solche Strömungen verschärft. Wenn der Neffe von Helene Wolff, Paul Salomon,[10] später im Entschädigungsverfahren angab, dass sein Cousin Hans Eduard nur deshalb nach Hamburg gegangen sei, „weil das Geschäft seiner Mutter damals (1930 !) bereits sehr schlecht ging, da schon zu diesem frühen Zeitpunkte eine erhebliche Nazihetze dagegen getrieben worden sei“, dann ist hier zwar die politische Stimmung und die wirtschaftliche Lage der Firma richtig beschrieben, allerdings kann das nicht der Grund für Hans Eduards Weggang nach Hamburg gewesen sein, denn diese Anstellung bei Böhme hatte er schon seit 1926 inne. [11] Aber tatsächlich wurde spätestens seit 1930 – die erhaltenen Steuerakten reichen nicht weiter zurück – Helene Wolff finanziell in einer prekären Lage. Konnte sie 1930 dem Finanzamt noch ein zu versteuerndes Einkommen von 824 RM melden, so ging dieses in den Folgejahren noch weiter zurück.[12] Hinzu kam offensichtlich ein familieninterner Konflikt mit dem älteren Sohn Julius Hermann, der seine Mutter in dieser Zeit wohl auf die Herausgabe seines Erbanteils verklagte.[13]

Schon im September 1933 waren auch Konzertveranstalter und Musikalienhändler durch das Reichskulturkammergesetz zwangsweise in die Unterabteilung, die Reichsmusikkammer, eingegliedert worden und damit auch verpflichtet, dem rassistischen Kulturverständnis und dem Musikgeschmack der Nazis Rechnung zu tragen. Der Ausschluss aus der Kammer kam einem Berufsverbot gleich. Zunächst waren aber auch etwa 1.000 „nichtarische“ Personen, die in unterschiedlichster Weise mit Musik befasst waren, aufgenommen bzw. zwangsweise eingegliedert worden. Wenn es aber auch zunächst zu keinen administrativen Maßnahmen kam, wurde die Situation nicht nur für die jüdischen Musiker, sondern auch für die anderweitig im Musikgeschäft tätigen Juden immer schwieriger. Die Firma „Wolff“ fand kaum mehr Mieter für ihre Klaviere, Käufer noch weniger. Hans Eduard erinnerte sich, dass ein verkauftes Klavier vom Erwerber nachts abgeholt wurde, um nicht als Kunde eines Juden erkannt zu werden. Und auch von den Fabrikanten wurde das Geschäft nicht mehr wie früher beliefert. Vermutlich mussten die Instrumente langfristig finanziert werden und das wurde angesichts sinkender Umsätze immer schwieriger.[14]

Die noch vorhandenen und nicht vermieteten Klaviere musste Helene Wolff sukzessive verkaufen, um überhaupt noch Einnahmen für ihren Lebensunterhalt zu erwirtschaften. So schrieb sie am 4. Januar 1934 dem Finanzamt Wiesbaden als Anlage zu ihrer Steuererklärung, dass die angeführten Einnahmen von 2.932 RM durch den Verkauf von 3 wertvollen Instrumenten erreicht worden seien. „Zugang von Klavieren hatte ich nicht, da ich das Geld der verkauften dringend für meine Existenz benötigte.“[15] Angesichts der Lage war das aber nur möglich, wenn der Preis deutlich unter dem Wert der Instrumente lag. Sie hätten zwar einen Wert von insgesamt 18.000 RM gehabt, aber nur die Hälfte der Summe habe man, so Hans Eduard, tatsächlich realisieren können.[16]

 

Nicht nur das Geschäft der Mutter brach ein, sondern auch für Hans Eduard änderte sich seine berufliche Situation. Die „altehrwürdige Konzertdirektion Johann August Böhme“, die zum Unternehmen des jüdischen Musikalienhändlers und Verlegers Benjamin gehörte, wurde 1933 von dem ehemaligen arischen Mitarbeiter Dr. Rudolf Goette übernommen. – „die genauen Umstände dieses Übergangs sind bis heute nicht bekannt“, schrieb das „Hamburger Abendblatt“ anlässlich des 75. Jubiläums dieses heute zu den führenden Konzertagenturen Deutschland gehörenden Hauses.[17] Bis zum 1. Juli 1936 behielt man Hans Wolff als Abteilungsleiter in der Firma, aber schon bald wurde die Firma wegen der jüdischen Angestellten durch den „Kampfbund für deutsche Kultur“ unter Druck gesetzt und man gab ihm nur noch unqualifizierte Aufgaben im Innendienst, bei entsprechend geringerem Gehalt – versteht sich. Seine Entlassung musste – so die ehemalige Prokuristin Frau Goette – „nach mehrmaliger Aufforderung der NSDAP und der Reichsmusikkammer“ und „zum „großen Bedauern“ von Herrn Dr. Goette dann Ende Juni 1936 ausgesprochen werden.[18].

Arbeitslos kam er Ende des Jahres wieder zurück nach Wiesbaden und lebte bei seiner Mutter in der Friedrichstraße. Eine kurzzeitige Anstellung fand er in der in der gleichen Straße gelegenen jüdischen Weingroßhandlung von Walter Siegel. Am 28 Februar 1939 meldete er sich in Wiesbaden polizeilich mit dem Ziel Zürich / Schweiz wieder ab. [19] Von hier aus fand er einen Weg nach England, wo es ihm gelang in seinem Beruf als Musikagent wieder Fuß zu fassen.[20]

 

Zu dieser Zeit hatte sein Bruder Julius Hermann Deutschland schon verlassen. Dieser hatte 1914 sein Abitur am humanistischen Gymnasium, der heutigen Diltheyschule, abgelegt, war anschließend bei seinem Einsatz im Ersten Weltkrieg durch einem Kopfschuss schwer verletzt worden. Dennoch gelang es ihm sein Jurastudium in Marburg, Freiburg und Berlin mit einer Promotion abzuschließen.[21] Die weitere Ausbildung bis zum Zweiten Staatsexamen lief nach Angaben von Faber recht konfliktreich ab.[22] Er handelte sich sogar einen förmlichen Verweis ein, weil er während der Referendarszeit ohne Genehmigung, sogar entgegen einem ausdrücklichen Verbot über einen längeren Zeitraum bei der ‚Nassauischen Wollwarenfabrik“ von Gustav Abraham tätig war.[23] Trotz allem wurde er 1925 als Rechtsanwalt für das Amts- und Landgericht Wiesbaden zugelassen. Neben seinem Spezialgebiet, dem Verkehrsstrafrecht, das durch die wachsende Verbreitung des Automobils zunehmend an Bedeutung gewann, hat er sich auch im politischen und gewerkschaftlichen Bereich engagiert. Er vertrat Mitglieder der Gewerkschaft in allen, auch privaten Angelegenheiten vor Gericht, im Besonderen aber diejenigen, denen die Gewerkschaft in arbeitsrechtlichen Auseinandersetzungen Rechtsschutz gewährte.[24] Die Praxis muss sehr gut gelaufen sein, drei bis vier Angestellte seien neben den Referendaren normalerweise beschäftigt gewesen. Klienten habe er auch aus anderen als gewerkschaftlichen Kreisen gehabt, da er sowohl Mitglied der Loge „Plato“ als auch – ganz in der Tradition des Vaters – des Turnvereins war.[25]

Auch bei seiner anwaltlichen Tätigkeit kam es wohl des Öfteren zu Konflikten, die ihm sogar ein Ehrengerichtsverfahren einbrachten. Ob dies aber auf die im Krieg erlittene Kopfverletzung zurückgeführt werden kann, wie Faber insinuiert, scheint doch eher fraglich. Dass ein Anwalt den Vortrag des Staatsanwalts in der damaligen Zeit als „dummes Zeug“ abqualifizierte, entsprach zwar sicher nicht den Gepflogenheiten vor Gericht, kann aber, wenn man sich die generelle Haltung der Justiz in der Weimarer Republik vor Augen führt, eine sehr realistische Beurteilung gewesen sein.[26]

Am 23. Dezember 1927 hatte er Johanna Stilgen geheiratet. Das Paar lebte damals wohl zunächst bei der Mutter, bevor es, offensichtlich nach erheblichen Konflikten mit ihr, in die Oranienstr. 16 zog, wo auch die Praxis angesiedelt war. [27]

Kurz bevor die Machtübernahme der Nazis seiner Karriere das Ende bereitete, hatte man ihn am 27.Oktober 1932 noch zum Notar ernannt. Schon am 31. Januar 1933 rief ihn der Landgerichtspräsident an, um ihm mitzuteilen, dass er, „wenn er nicht sein Leben riskieren wolle“, besser nicht mehr im Gerichtsgebäude erscheinen solle.[28] Er musste sein Notariatssiegel abgeben und ein Jahr später, zum 31. Mai 1934, – die Frist hatte er seinem Einsatz als Frontsoldat zu verdanken – wurde ihm mit Verweis auf das „Gesetz über die Wiederherstellung des Berufsbeamtentums“ die Zulassung als Rechtsanwalt wegen angeblich kommunistischer Betätigung entzogen.[29] Dass die Nazis damit aber sein gewerkschaftliches Engagement gemeint haben müssen, ergibt sich schon daraus, dass er parteipolitisch der liberalen DDP nahestand.

Ein eigenes Einkommen hatten Julius Hermann Wolff und seine Frau ab diesem Zeitpunkt nicht mehr. Sie mussten von dem leben, was zuvor angespart worden war und was sie an Unterstützung von den Eltern der nichtjüdischen Ehefrau erhielten. Die waren auch in die verwaisten Praxisräume in der Oranienstraße gezogen, sodass man einen gemeinsamen Haushalt führen konnte.[30] Julius Hermann Wolff schätzte offensichtlich seine Lage realistisch ein und bereitete seine Ausreise aus Deutschland vor. Am 12. Juni 1937 verließ er Deutschland ohne seine Frau und floh über England nach Australien, wo seine gesamte bisherige Ausbildung aber völlig wertlos war. Er musste neben dem Erlernen der englischen Sprache noch einmal ein Jurastudium absolvieren, bevor er 1944seine Zulassung zum Obersten Landesgericht von Neu-Süd-Wales erhielt. Ein „nennenswertes Einkommen“ hatte er nach seinen Angaben erstmals 1948.[31]

Die Ehe mit Johanna Stilger, spätere Frau Kurosky, war im August 1939 geschieden worden. Julius Hermann Wolff ging 1944 eine zweite Ehe ein, aus der die zwei Kinder Heinrich und Leslie stammen. Am 11. Januar 1968 ist Dr. Julius Hermann Wolff in seinem australischen Exil in Marrickville bei Sydney verstorben.

 

Somit war die Mutter der beiden Söhne seit Anfang 1939, also ab der Zeit, in der die massive Verfolgung der jüdischen Bevölkerung erst richtig in Gang kam, allein und zudem weitgehend ohne eigenes Einkommen. Das Finanzamt verzichtete inzwischen wegen fehlender Einkünfte – unter 850 RM im Jahr – auf eine Veranlagung bei der Einkommensteuer.[32] Ein Jahr später, wohl schon zu

Geschäftsaufgabe Helene Wolff Wiesbaden
Nachricht über die Geschäftsaufgabe von Helene Wolff – HHStAW 685 859

Beginn des Jahres 1938, gab sie nach eigenem Bekunden die Agentur und das Geschäft endgültig auf. Gestrichen wurde sie im Handelsregister aber erst im September des Jahres.[33] In ihrer Vermögenserklärung im Januar 1939, bei der zur Berechnung der Judenvermögensabgabe der Stichtag 27. April 1938 zugrunde gelegt wurde, musste sie noch das Betriebsvermögen von ca. 3.700 RM in Form von Klavieren angeben. Daneben verfügte sie noch über Wertpapiere von knapp 5.000 RM, wohingegen das Konto mit 10 RM und der Wert des Edelmetalls im Haushalt in der Höhe von 225 RM eher unbedeutend waren. Der Fiskus verlangte von ihr 1.600 RM als „Sühneleistung“.[34]

Deshalb bat sie das Finanzamt, die Judenvermögensabgabe durch die Veräußerung der Wertpapiere begleichen zu dürfen.[35] Für ihren Lebensbedarf gab sie an, monatlich 82,75 RM für Miete und etwa 100 RM für den eigenen Verbrauch zu benötigen. Sie merkte noch an, dass sie in ihrem hohen Alter von fast 70 Jahren für eine eventuelle Erkrankung auch über eine geringe bares Geld verfügen müsse.[36]

Als man sie dann am 1. Juli 1940 zwang, in das Judenhaus Emser Str. 26 a zu ziehen, wo sie ein einzelnes Zimmer bewohnte, musste sie sich auch von ihrer Wohnungseinrichtung trennen, die nach der Aufstellung ihres Sohnes nicht nur materiell wertvoll war, sondern für sie auch die Erinnerung an die so gute Zeit vor 1930 verkörpert haben muss.[37]  Das gesamte Inventar wird von einem der örtlichen Auktionatoren verkauft worden sein; wie viel Helene Wolff dafür erhielt, ist nicht bekannt.

Über die gut zwei Jahre, die sie in dem Judenhaus lebte, gibt es keine Informationen. Am 1. September 1942 wurde sie mit der Transportnummer 939 nach Theresienstadt deportiert. Nach einer weiteren eineinhalbjährigen Leidenszeit verstarb sie dort am 29. März 1944.[38]

 

 

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Anmerkungen:

 

[1] HHStAW 518 4251 (17).

[2] HHStAW 469-33 2321 (3). Für Heinrich Wolff muss es die zweite Ehe gewesen sein, denn aus einer ersten Ehe war eine Tochter namens Lina Wolff, später verehelichte Edinger, hervorgegangen, siehe HHStAW 469-33 2321 (1).

[3] HHStAW 518 4251 (62 Anlagen).

[4] HHStAW 518 4251 (62 Anlagen). Leider ist der Zeitungsausschnitt nicht datiert, auch ist nicht ersichtlich welcher Zeitung er entstammt. Das Konzert müsste aber um den 20. Juni 1925 stattgefunden haben

[5] Ebd. Ebenfalls ohne genaue Datierung und Quellenangabe.

[6] Ebd. Ebenfalls ohne genaue Datierung und Quellenangabe.

[7] Sein Bruder Julius Hermann Wolff hat in den späteren Entschädigungsverfahren immer wieder betont, dass er keinen Anspruch auf Geld aus der Entschädigung für das verlorene Geschäft erhebe. Diese ständen ausschließlich seinem Bruder zu. HHStAW 518 4251 (58).Vermutlich war er schon zuvor ausgezahlt worden, siehe dazu auch unten Anm. 13.

[8] HHStAW 518 4251 (29). Auch die weiteren biografischen Angaben beruhen auf diesem Schreiben von Hans Eduard Wolff an die Entschädigungsbehörde vom 28.4.1955.

[9] Möglicherweise fand in diesem Rahmen auch der skandalumwitterte Auftritt von Kurt Tucholsky bei der „Literarischen Gesellschaft“ im Jahr 1929 statt, siehe Beckhardt, Jude mit dem Hakenkreuz, a.a.O. S. 124.

[10] Paul Salomon war ein Neffe von Helene Wolff, aber auch von Adolf und Amalie Salomon, den Eigentümern des Judenhauses Adelheidstr. 94, siehe oben. Er kümmerte sich um den auf dem Eichberg untergebrachten Cousin Fritz Salomon. Die genauen verwandtschaftlichen Beziehungen zwischen den Familien Wolff und Salomon konnten aber nicht geklärt werden. Paul Salomon gab im Entschädigungsverfahren an, seine Tante Helene Wolff von seinem damaligen Wohnort Frankfurt – Höchst aus häufig besucht zu haben. Nach seiner Gestapo-Karteikarte soll er vom 30.11.1940 bis zum 5.12.1940 ebenfalls in der Emser Str. 26a mit zweitem Wohnsitz gemeldet gewesen sein. In Klammern ist aber „Besuch“ vermerkt. Paul Salomon, der mit einer Nichtjüdin verheiratet war, hat in Freiburg den Holocaust überlebt und war dort nach dem Krieg als Studienrat tätig.

[11] HHStAW 518 4251 (29, 32).

[12] HHStAW 685 859 (1, 7, 11, 13, 19, 20, 30).

[13] In einem Brief vom 29.2.1932 an das Finanzamt Wiesbaden, in dem sie ihre finanzielle Situation darlegte, beklagte sie sich auch über ihren Sohn. Sie wolle zu der Bilanz bemerken, „dass das verflossene Jahr mir insofern schwere wirtschaftliche Not brachte, als ich gezwungen wurde an meinen Sohn Rechtsanwalt Dr. Hermann Wolff Hier insgesamt Mk 5410 zu zahlen, womit meine Schuld ihm gegenüber noch nicht einmal ganz ausgeglichen ist. Mein Sohn hat mit seiner Frau z. Zt. Jahrelang bei mir gewohnt, wofür er mir keinerlei Miete oder Verpflegung zahlte. Dagegen half er mir mit Geldsummen aus, wenn ich geschäftliche Zahlungen zu leisten hatte. Als er im Jahr 1930 von mir wegzog, klagte er gegen mich auf Herausgabe des Geldes, das ich in Wirklichkeit doch zum größten Teil für ihn (Studium, Ausstattung der Praxis, Lebensunterhalt u. Wohnung für ihn u. seine Frau) verbraucht habe. Ich wurde verurteilt an ihn insgesamt Mk 6734,- zu zahlen.“ Durch den Verkauf von Papieren und einer privaten Kreditaufnahme bei Verwandten, habe sie das Geld aufgebracht, habe aber jetzt Schulden von 4.000 RM. „Wie und ob ich jemals von dieser Schuldenlast komme, weiß ich natürlich nicht. Die Aufbringung von Steuern würde in diesem Fall meinen Ruin bedeuten, weshalb ich um den Schutz des Härteparagraphen bitte.“ HHStAW 685 859 b (11).

[14] HHStAW 518 4251 (30).

[15] HHStAW 685 859 a (o.P.). Nach einer Aufstellung aus dem Jahr 1939 hatte die Firma zu dieser Zeit aber noch immer 3 Flügel und 18 Klaviere renommierter Firmen in ihrem Besitz, siehe HHStAW 685 859 b (o.P.). Aus der Aufstellung geht allerdings nicht hervor, ob sie zu dieser Zeit vermietet waren oder zum Lagerbestand gehörten. Die beschriebene wirtschaftliche Lage der Firma in den frühen 30er Jahren spricht aber eher dafür, dass sie zumindest zum größten Teil vermietet waren.

 

[16] HHStAW 518 4251 (17).

[17] http://www.abendblatt.de/ratgeber/extra-journal/article107449580/Tradition-mit-grosser-Zukunft.html. Hamburger Abendblatt vom 12.9.2008. (Zugriff: 21.11.2017). Auf der Homepage der Agentur heißt es dazu heute nur: „Die Gründung der Konzertdirektion Goette reicht zurück zum Anfang der 1930er Jahre, als sich Dr. Rudolf Goette, der mehrere Jahre für die Konzertdirektion Johann August Böhme gearbeitet hatte, selbständig machte.“ Siehe http://www.proarte.de/Ueber-uns. (Zugriff: 21.11.2017).

[18] HHStAW 518 4251 (31).

[19] HHStAW 518 4251 (8, 17, 9).

[20] In England nahm er den Namen John Edward Woolf an, siehe HHStAW 469-33 2321 (1).

[21] HHStAW 518 4251 (81).

[22] Faber, Rolf, Dr. Julius Hermann Wolff, Rechtsanwalt und Notar, in: Faber, Rönsch, Wiesbadens jüdische Juristen, a.a.O. S. 197f.

[23] Zur „Nassauischen Wollwarenfabrik“ und ihrem Eigentümer Gustav Abraham, der Eigentümer des Judenhauses in der Dotzheimer Str. 15 war.

[24] HHStAW 518 18089 (112).

[25] HHStAW 518 18089 (29). Seine frühere Frau schätzte sein monatliches Einkommen auf etwa 10.000 RM.

[26] Faber, Rönsch, Wiesbadens jüdische Juristen, a.a.O. S. 198.

[27] S.o. Anm. XXX.

[28] HHStAW 518 18089 (29).

[29] HHStAW 518 18089 (26). Die Löschung in den Anwaltslisten für das Amts- und Landgericht erfolgte am 8. bzw. 15.6.1934.

[30] HHStAW 518 18089 (30).

[31] HHStAW 518 18089 (10).

[32] HHStAW 685 859 b (35).

[33] HHStAW 685 859 b (38).

[34] HHStAW 685 859 b (o.P.).

[35] HHStAW 685 859 b (o.P.).

[36] HHStAW 685 859 b (o.P.).

[37] HHStAW 518 4251 (127). Hans Eduard

[38] http://www.holocaust.cz/de/opferdatenbank/opfer/37004-helene-wolff/. (Zugriff: 21.11.2017). I n Yad Vashem hat der Sohn Hans Eduard für seine Mutter eine „Page of Testimony“ eingestellt. Er gibt darin an, seine Mutter sei in Theresienstadt verhungert. Als Todestag nennt er den 28.3.1944. http://yvng.yadvashem.org/nameDetails.html?language=en&itemId=811922&ind=11. (Zugriff: 21.11.2017).