Emser Str. 26a

Leopold und Dorothea Katzenstein

Bei dem Haus in der Emser Str. 26a handelt es sich um ein eher unscheinbares, zweistöckiges Gebäude am nördlichen Rand des Westends, dem traditionellen Wohnbezirk osteuropäischer Juden. Mit nur drei Wohnungen war es für die Funktion eines Judenhauses eigentlich nicht unbedingt geeignet. Es mag auf die Liste gekommen sein, weil es im Besitz einer der wohlhabenderen, säkular eingestellten jüdischen Familien Wiesbadens war, dem Ehepaar Leopold und Dorothea Katzenstein.[1]

Leopold Katzenstein stammte aus Thüringen, aus dem kleinen Städtchen Vacha, mit einer relativ großen und traditionsreichen jüdischen Gemeinde. Hier war er am 23. Januar 1877 geboren worden. Wie sehr die jüdischen Bewohner vor der Nazi-Zeit in das dortige städtische Leben integriert waren, kann man daran sehen, dass der Vater von Leopold, Jakob Eisemann Katzenstein, der Inhaber eines Geschäfts war und darüber hinaus eine staatlichen Lotterieagentur betrieben haben soll, 1896 in den dortigen Stadtrat gewählt worden war. [2] Die Mutter von Leopold Katzenstein war Gütchen, genannt Karoline, geb. Stern, aus Mansbach in der Rhön. Aus dieser am 5. oder 6. Juli 1865 geschlossenen Ehe gingen insgesamt sechs Kinder hervor.[3]

Auch wenn die am 2. September 1883 geborene Ehefrau von Leopold (Leo) Katzenstein, Dorothea (Dora) Elisabeth, geborene Pfeiffer, einer sehr begüterten Wiesbadener Bankiersfamilie entstammte,[4] sie wahrscheinlich einigen Besitz mit in die 1907 geschlossene Ehe eingebracht haben wird,[5] so beruhte das Vermögen der Eheleute doch wohl primär auf der erfolgreichen beruflichen Tätigkeit von Leopold Katzenstein. Er praktizierte als Arzt, war Autor eines wissenschaftlichen Werks über die „Heilfaktoren“ Wiesbadens[6] und hatte daneben ein Unternehmen aufgebaut, die „Pharmazeutische Industrie Dr.

Leopold Leo Katzenstein Dorothea Katzenstein Risinetten
Leo und Dorothea Katzenstein (rechts) mit Mitarbeiterinnen bei der Verpackung von Risinetten in ihrer Wohnung (Mit Genehmigung von Dodie Katzenstein)

Leopold Katzenstein“ in Wiesbaden Erbenheim, die im Besonderen mit den Erkältungspräparaten „Risinetten“ und der Salbe „Risin“ selbst in den 30er Jahren noch sehr erfolgreich war. Ursprüngliche hatte man mit der Produktion der Präparate in der heimischen Küche begonnen, später aber eine Fabrikationsanlage in Erbenheim errichtet. Von 1934 bis zur Arisierung waren 560.000 RM Reingewinn erwirtschaftet worden, für einen mittelständischen jüdischen Betrieb in dieser Zeit ein außergewöhnliches Betriebsergebnis.[7]

Entsprechend war der Lebensstil der Katzensteins. Vom Schillerplatz waren sie 1927 oder 1925 [8] in die 8-Zimmer „Luxuswohnung“ in der Wilhelmstr. 42 gezogen, [9] wo Leo auch zwei Praxisräume eingerichtet hatte. Einen Eindruck von dem gediegenen Wohlstand der Familie kann man gewinnen, wenn man die in der Entschädigungsakte erhaltenen Bilder aus der Wohnung betrachtet.[10] Auch in der eidesstattlichen Erklärung beschreibt die ehemalige Haushälterin Frau Busch detailliert das vorhandene Mobiliar, die Kunstgegenstände, die umfangreiche Bibliothek, Teppiche, Kristalle und Service, die den gehobenen Lebensstil in diesem Hause prägten.[11] Eine umfangreiche Sammlung Meißener Porzellans gehörte ebenfalls zu den vorhandenen Vermögenswerten. Politisch verstand sich Leo Katzenstein als deutscher Patriot, der in

Beipackzettel der Risinetten (Mit Genehmigung von Dodie Katzenstein)

einem Sanitätsregiment im Ersten Weltkrieg gedient hatte und sich nicht hatte vorstellen können, dass sich dieses Land einmal gegen ihn wenden könnte.[12] Sein Patriotismus war aber nicht autoritär verengt, wie sein Engagement in der Wiesbadener Freimaurerloge zeigt, denn diese setzte sich für Freiheit des Individuum und Toleranz im Umgang der Menschen untereinander ein.

In diesem Milieu wuchs der am 11. Oktober 1908 geborene Friedrich Karl Julius, genannt Fritz, auf.[13] 1927 legte er am humanistischen Gymnasium sein Abitur ab und begann ein Medizinstudium, sicher mit dem Ziel, später in die Fußstapfen seines Vaters treten zu können. 1933 legte er sein Staatsexamen in München ab und absolvierte sein Medizinalpraktikum in Frankfurt. Seine Promotion wurde mit ‚cum laude’ bewertet, dennoch blieb ihm die Berechtigung den Doktortitel zu tragen verwehrt. Dafür bedurfte es der Approbationsurkunde, die ihm als Jude aber versagt blieb. Das bayrische Staatsministerium für Unterricht und Kultus attestierte ihm, „dass der Medizinalpraktikant Herr Friedrich Katzenstein … am 1.2.1934 das Praktische Jahr abgeleistet hat und die Bedingungen – mit Ausnahme des Ariernachweises – für die Erteilung der Approbation als Arzt für das Deutsche Reichsgebiet erfüllt.“[14]

Erst in der Schweiz konnte er, nachdem er zuvor in einer Berliner Privatklinik unentgeltlich, nur für Essen und Logis zwei Jahre gearbeitet hatte, dann 1936 nach erneuter Prüfung sein Diplom erhalten. Angesichts der ausweglosen Perspektive, in seiner Heimat als Arzt arbeiten zu können, entschloss sich Fritz im gleichen Jahr zur Auswanderung nach Amerika. Mit dem Zug über London nach Southampton, von hier mit dem Schiff nach New York, dann wieder mit dem Zug weiter nach Chicago –so sah der Weg in die erhoffte bessere Zukunft aus. Drei Kisten voll mit Büchern, medizinischen Instrumenten und anderen Utensilien, sicher auch manches Erinnerungsstück, begleiteten ihn auf dieser Reise. Die Auswanderung wurde erst möglich, nachdem die Reichsfluchtsteuer in Höhe von 32.000 RM gezahlt worden war.[15] Aber auch in den USA wurde das Diplom nicht sofort anerkannt, auch hier musste er zunächst wieder unbezahlte Praktika absolvieren und erneut eine Prüfung ablegen, bis er seine erste Praxis eröffnen konnte.[16]

Judenhaus Emser Str 22a Wiesbaden
Dorothea Katzenstein, geb. Pfeiffer
Mit Genehmigung von Dodie Katzenstein
Judenhaus Emser Str 22a Wiesbaden
Leo Katzenstein
Mit Genehmigung von Dodie Katzenstein

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Zurückgeblieben waren die Eltern, die in der folgenden Zeit bis zur ihrer Ermordung von den Nazis systematisch ausgeraubt wurden. Wie alle anderen Juden hatten auch Katzensteins schon im April 1938 eine Vermögensaufstellung abgeben müssen. Die Summe des Vermögens ergab ca. 325.000 RM, davon nahezu die Hälfte in Form von Wertpapieren im Depot der Commerzbank. Auch das Wohngrundstück in der Emser Str. 26a ist mit einem Wert von 26.000 RM darin enthalten. Allerdings müssen Verbindlichkeiten von etwa 40.000 RM von der Gesamtvermögenssumme abgezogen werden.[17]

Die Zollfahndung Mainz wurde angesichts dieser Werte aktiv und beantragte mit Hinweis auf den in den USA lebenden Sohn am 31. August 1938 bei der Devisenstelle in Frankfurt eine Sicherungsanordnung, die dann auch einen Monat später erfolgte. Noch blieben die Erträge aus dem Depot freigestellt. [18]

Eine besondere Rolle sollte später noch die wohl im Zusammenhang mit der Vermögensbewertung entstandene Liste der im Laufe der Zeit von Leopold Katzenstein gesammelten Kunstgegenstände und Gemälde spielen. In einer handschriftlichen Auflistung hatte er den von ihm jeweils geschätzten Wert der Objekte notiert und kam auf einen Gesamtbetrag von 43.008 RM.[19] In der Aufstellung der Zollfahndung wurde auf diese Liste und die summierten Werte eigenartigerweise kein Bezug genommen, es wurden allein „Gegenstände aus edlem Metall“ im Wert von 36.708 RM aufgeführt.[20]

Bevor man sich all dieser Schätze bemächtigte, wurde das Produktivvermögen der Katzensteins ins Visier genommen. Aus dem Schreiben der Zollfahndung Mainz an die Devisenstelle Frankfurt geht hervor, dass Leopold Katzenstein schon zu diesem Zeitpunkt, also im August 1938, in Verkaufsverhandlungen für sein pharmazeutisches Unternehmen stand. Bei einem Verkauf sei der Erlös zu melden und ebenfalls zu sichern, hieß es in der Anordnung. Es ist ganz offensichtlich, dass im Zusammenhang mit dem Novemberpogrom von 1938 diese Verhandlungen auf brutale Weise zu einem Ende geführt wurden. Am Tag nach der Reichspogromnacht war Leo Katzenstein zur DAF bestellt und sofort festgenommen und, wie andere Wiesbadener Juden auch, mit dem Vermerk „Aktions-Jude“ in das KZ Buchenwald überstellt worden.[21]

Im späteren Erstattungs- bzw. Entschädigungsverfahren wurden die weiteren, wohl typischen Abläufe einer solchen Arisierung dargelegt: „Zur gleichen Zeit [als die Verhaftung von Leo Katzenstein stattfand – K.F.] erschien der Kreisobmann Wehnert der DAF in der Fabrik und erklärte, Dr. Leopold Katzenstein sei verhaftet; er werde den Betrieb nicht mehr betreten, das Unternehmen sei vorläufig nach Weisungen der DAF weiterzuführen. Dr. Katzenstein wurde nach etwa zwei Wochen aus dem KZ entlassen, hat aber die Geschäftsräume nie mehr betreten. Die DAF ließ alle Zugänge durch neu anzubringende Vorrichtungen so verschließen, dass er keine Zugänge mehr hatte.

„Pharmazeutische Industrie Dr. Leopold Katzenstein“ Wiesbaden Erbenheim
„Pharmazeutische Industrie Dr. Leopold Katzenstein“ in Wiesbaden Erbenheim (Mit Genehmigung von Dodie Katzenstein)

Es meldeten sich nunmehr verschiedene Kaufliebhaber für das Unternehmen. Unter den Kaufbewerbern traten auch die Kaufleute Otto Krebs und Edgar Manfred Eber in Wiesbaden hervor. Auf die Auswahl der Käufer hatte Dr. Katzenstein aber keinen Einfluß mehr. Dieser wurde von dem nationalsozialistischen Gauwirtschaftsberater autoritativ bestimmt. Am 10.12.1938 teilte der Gauwirtschaftsberater Herrn Dr. Katzenstein mit, dass der Betrieb von dem Kaufmann Otto Krebs und dem Kaufmann Edgar Manfred Eber übernommen werden solle und dass er mit ihnen unverzüglich einen Kaufvertrag abzuschließen habe. Am 15.12.1938 verkaufte Dr. Leopold Katzenstein durch notariellen Vertrag das Unternehmen mit allen Bestandteilen mit Wirkung zum 1.1.39 an Krebs und Eber.“ [22]

Der vereinbarte Kaufpreis von 155.000 RM sollte in drei Raten gezahlt werden, die letzte Zahlung am 30. September1940 erfolgen.[23] Nach dem detaillierten Gutachten des Wirtschaftsprüfers Meisner aus dem Jahre 1960 war das Unternehmen mehr als 500.000 RM wert, also mehr als das Dreifache. [24] Mit welcher Dreistigkeit die Parteioberen ihren Schützlingen die Kapitalien zuschoben, wird heute nicht mehr verwundern. Leo Katzenstein hätte auch aus einem halbwegs gerechten Verkaufspreis keinen Nutzen ziehen können, denn das Geld wurde, wie gefordert, ohnehin auf das gesicherte Konto bei der Commerzbank eingezahlt.[25] Von diesem Konto „durften“ die Katzensteins dann die erste Rate der ihnen auferlegten „Sühneleistung“ von insgesamt zunächst nahezu 20.000 RM zahlen, nämlich 4.712,09 RM.[26]

Seines Lebenswerks beraubt, gezeichnet von der schrecklichen Erfahrung einer KZ-Inhaftierung und ohne wirkliche Hoffnung auf eine Veränderung, planten Leo und Dora Katzenstein jetzt auch ihre eigene Auswanderung. Im März wurde ihnen auferlegt, innerhalb von acht Tagen eine Sicherung für die Reichsfluchtsteuer in Höhe von 21.000 RM bereitzustellen.[27] Dodie Katzenstein berichtet unter Bezugnahme auf die Briefe ihrer Großeltern an den Sohn Fritz über deren wachsende Verzweiflung nach der Reichspogromnacht. Am 29. Juni 39 schrieb er an seinen Sohn: 

„Mein lieber Fritz!
Es tut mir leid, dass wir Dir unangenehme Nachrichten geben müssen …  Man wird immer verzweifelter, und es wird wohl nicht mehr zu umgehen sein, dass man seine Heimat verlässt; vielleicht geht es schon gar nicht mehr, denn der politische Himmel verdüstert sich immer mehr. So viel Enttäuschungen, wie man jetzt in ein paar Monaten erlebt, hat man früher in Jahren nicht erlebt.  Es ist ein sehr trauriger Zustand. Sei so lieb und schicke uns jetzt den Scheck über $ 515. -, damit wir ihn zur Verfügung haben, wenn es nötig ist. Es tut mir sehr leid, dass Du so tief in die Tasche greifen musst. Schicke einen Scheck der Bank auf meinen Namen. Hoffentlich scheint die Sonne doch noch einmal. Wir freuen uns immer zu hören, dass es Dir wenigstens in jeder Beziehung gut geht.
Herzliche Grüße und Küsse. Dein Papa
[28]

Schon kurze Zeit später, Ende August 1939, teilte er Fritz mit, dass die Situation sich immer weiter verschlechtere. Aus den Briefen lässt sich erkennen, dass ihr Sohn sich intensiv darum bemühte, die notwendige Affidavite für die Eltern zu bekommen, denn sie bedankten sich in den Briefen für die Übermittlung all der von den Amerikanern geforderten Papiere. Daneben hatten sie sich – wenn auch vergeblich – um Visen nach Portugal, Sibirien, Ecuador, Puerto Rico, den Philippinen und Kuba bemüht.[29]

Im Mai 1939 wurden Katzensteins zur Abgabe ihrer Schmucksachen, ihres Tafelsilbers und anderer Edelmetalle verpflichtet.[30] Besonders perfide war, dass man ihnen in Aussicht gestellt hatte, sie würden bei einer Ausreise den Schmuck und das Tafelsilber, das sicher ein wertvolles Erbe und damit primär einen ideellen Wert darstellte, mitnehmen können, sofern sie eine entsprechende Summe in Form von Devisen zurücklassen würden. Auf Bitten der Eltern hatte Fritz die im Brief erwähnten 515 $ nach Wiesbaden übermittelt, die per Scheck an den Fiskus weitergereicht worden waren. Das Tafelsilber blieb aber mit dem Argument beschlagnahmt, die Regelung sei ausdrücklich für den Fall der Auswanderung getroffen worden. Da diese aber nicht stattgefunden habe, werde auch das Silber nicht freigegeben – die amerikanischen Devisen wurden selbstverständlich auch nicht zurückerstattet.[31]

Im Rahmen dieser Vorbereitungen kommt jetzt eine für Wiesbaden höchst interessante Person ins Spiel, nämlich Heinrich Voss, der ab 1943 von Hitler zum „Sonderbeauftragten des Führers“ zum Aufbau einer nationalen Kunstsammlung in Linz ernannt worden war.[32] Voss hatte seit 1935 die Leitung des Nassauischen Landesmuseums in Wiesbaden inne und war ab Juli 1938 vom Polizeipräsidium Wiesbaden zum Sachverständigen zur „Begutachtung von Kunstgegenständen, die der Ausfuhrbeschränkung unterliegen,“ ernannt worden.[33] In dieser Funktion hatte Voss auch die Kunstsammlung der Katzensteins begutachtetet. Ob dies in der Wohnung geschah, wie Iselt meint,[34] oder aber im Depot der Firma Rettemeyer, wo für die Auswanderung schon ein Teil des Mobiliars und auch die Kunstgegenstände eingelagert worden waren,[35] wird sich nicht mehr klären lassen. Sollte die zeitliche Einordnung der Begutachtung in das Jahr 1941 durch Iselt richtig sein, dann spricht vieles dafür, dass diese nicht zu Hause stattfand, denn bereits im Herbst 1939, laut Gestapo-Karteikarte am 25. September 1939, mussten Leo und Dora Katzensteins aus ihrer schönen, großen Wohnung in der Wilhelmstraße ausziehen. Schon im Juni hatten sie die entsprechende Kündigung erhalten. In dem gleichen Brief vom Juni 1939, in dem Leo über die sich verschlimmernde Lage in Deutschland berichtete, klage Dora, dass sie gezwungen würden, ihre Wohnung zu verlassen: „Wir wissen wirklich nicht mehr weiter … Wahrscheinlich müssen wir uns erst mal eine Wohnung nehmen, vielleicht bekommt man etwas in einem jüd. Haus. …  Das einzige, was wir noch hatten, das war unser Heim, und das ist jetzt auch vorbei.“ [36]

Wie in vielen anderen Fällen waren Katzensteins von ihrem arischen Vermieter wohl einfach „auf die Straße gesetzt“ worden und mussten sich dann selbst um eine neue Wohnung kümmern. Oft blieb dann nur ein Judenhaus. Katzensteins fanden allerdings dieses Mal noch eine neue Unterkunft in der Rösslerstr. 7, einem Haus, das nicht in jüdischem Besitz war. Nach Aussage der Haushälterin Frau Busch hatte dieser Umzug in eine kleinere Wohnung zur Folge, dass weitere Möbel und Gegenstände aus Platzmangel in den Lift der Spedition gebracht werden mussten. Sicher werden sie sich auch von manchen Möbelstücken getrennt haben. Leo Katzenstein meldete am 31. August 1940 der Devisenstelle, dass er aus der Versteigerung eines Möbelstücks durch den auf diesem Gebiet sehr aktiven Auktionator Jäger 7,75 RM auf das Sicherungskonto überwiesen habe.[37] Führt man sich die Bilder der Einrichtung vor Augen, dann hat hier jemand ganz sicher ein ordentliches „Schnäppchen“ gemacht oder – anders formuliert – sich auf übelste Weise an der Not seiner jüdischen Mitbürger bereichert.

Trotz allem gehörte auch im Sommer 1940 das Ehepaar Katzenstein nominal noch zu den begüterten Wiesbadener Familien. In der Vermögensaufstellung von 1940 wurden noch ca. 200.000 RM Reinvermögen und ein Jahreseinkommen von 7.650 RM angegeben. Aber einen freien Zugriff auf diese Ressourcen hatte man selbstverständlich nicht. Dennoch konnte man sich noch eine Hausangestellte leisten und auch Verwandte, wie Julie Strauss in der Emser Straße und Arnold Katzenstein in Herleshausen, mit monatlichen Zuwendungen bedenken.[38] Der Freibetrag aus Kapitalerträgen und den Mieteinnahmen, die inzwischen auch auf das Sicherheitskonto gezahlt werden mussten, betrug monatlich 1.170 RM, wovon allerdings die laufenden Kosten, die Leopold Katzenstein angab, nicht gedeckt werden konnten. Dennoch war es eine Vielfaches von dem, was anderen Glaubensgenossen monatlich zur Verfügung stand.

Dodie Katzenstein bemerkt in ihrer Artikel, dass der erste Brief der Großeltern an den Sohn, der nur noch von der Mutter unterzeichnet war, mit September 1941 datiert war.[39] Kurz zuvor musste Leo erneut verhaftet und in das KZ Sachsenhausen überführt worden sein. Nach den Eintragungen in der Gestapo-Datei zog Dora Katzenstein daraufhin am 2. September, ihrem Geburtstag, ob freiwillig oder gezwungen ist nicht feststellbar, in ihr eigenes Haus, das „Judenhaus“ Emserstr. 26a, und lebte dort für kurze Zeit zusammen mit ihrer Schwägerin Julie Strauss im ersten Stock. Sie blieb hier nur einen Monat. Anfang Oktober 1941 meldete sie der Devisenstelle auch im Namen ihres inhaftierten Mannes, dass sie zum 1. Oktober in die Rheinstr. 103 II zu dem jüdischen Ehepaar Leo und Helene Schwarz gezogen seien.[40] Offensichtlich handelte es sich hier um eine Pension, denn am 29. September schrieb sie ihrem Sohn Fritz: „Ich muß mich sehr zusammenreißen, denn wie ich Dir schon schrieb, fühle ich mich gar nicht wohl, ich bin sehr mit den Nerven runter. Vorerst wohne ich noch bei Jula, Ende der Woche ziehe ich in eine Pension.“[41]
Der Wortlaut legt nahe, dass es sich hier um keine Zwangseinweisung, sondern die neue Unterkunft eher selbst gewählt war. Auch in diesem Fall handelte es sich um einen zumindest für Wiesbaden nicht untypischen Wohnungswechsel, der aus einem Judenhaus in ein Nicht-Judenhaus führte.

Für Dora Katzenstein wurden die Lebensumstände jetzt zunehmend schwierig. In der von ihr im Mai 1942 geforderten Aufstellung der derzeitigen Lebenshaltungskosten, insgesamt 602,50 RM, waren u. a. aufgeführt die Miete in Höhe von 170 RM, Lagerkosten für das eingelagerte Mobiliar von 32,50 RM, außerdem „laufende Überweisungen an meinen zur Zeit im Konzentrationslager befindlichen Ehemann – 60 RM“.[42] Ihr Freibetrag wurde daraufhin auf 350 RM beschränkt. Allerdings erlaubt man ihr nach einem gesonderten Antrag die monatliche Unterstützung für Leo und Julie sowie die Lagerkosten auf drei Monate befristet zusätzlich in der Höhe von knapp 200 RM über das Sicherungskonto zu zahlen.[43]

Judenhaus Emser Str. 26a
Das Grab von Leo und Dorothea Katzenstein auf dem Jüdischen Friedhof in Wiesbaden, Platter Straße
Eigene Aufnahme

In der Wohnung in der Rheinstraße wird sie auch der letzte Brief von Leo aus dem KZ Sachsenhausen erreicht haben. Er bedankte sich darin für ihre Zeilen, die ihn vor etwa einer Woche erreicht hatten. „Alle guten Wünsche, die man für ein geliebtes Herz kennt, flattern an deinem Geburtstag zu dir … Mögen die Engel dich immer behüten“, schrieb er am 16. August 1942 auf dem vorgegebenen Briefpapier des KZs [44] und bat sie, sich in ihrem Alter bei der Arbeit – möglicherweise war sie inzwischen zu Zwangsarbeit verpflichtet worden – nicht mehr zu sehr anzustrengen. Vermutlich sollte die Mitteilung, es gehe ihm selbst gesundheitlich gut, nur ihrer Beruhigung dienen, denn schon einen Tag später, am 17. August 1942, war er laut Eintrag des Standesamts Oranienburg um 19.05 Uhr verstorben. Die Todesursache sei Herz- und Kreislaufschwäche, bedingt durch eine Ruhrerkrankung gewesen.[45] Aber auch ein plötzlich herbeigeführter Tod durch wen auch immer, könnte diesen plötzlichen Tod erklären.

Zwei Wochen später musste sich Dora Katzenstein zusammen mit dem Ehepaar Schwarz selbst am Güterbahnhof einfinden, um den Zug nach Theresienstadt zu besteigen. Wann sie von dort den Weg in das Todeslager Auschwitz antrat, in dem sie am 23. Januar 1943 ums Leben kam, ist unbekannt..[46]

 

Der weitere Raubzug vollzog sich nach dem üblichen bürokratischen Verfahren und zog sich dementsprechend lange hin. Der Vollzug der Vermögenseinziehung wurde erst am 28. Mai 1943 vom Regierungspräsidenten Wiesbaden mit der üblichen Formel veröffentlicht: „Auf Grund des Erlasses des Reichsministers des Innern vom 4.Juli.1942-Pol.S.II A 5 Nr. 521/42-212- und auf Grund des Gesetzes über die Einziehung volks- und staatsfeindlichen Vermögens vom 14. Juli 1933- RGBl.I S.479- in Verbindung mit dem Gesetz vom 26. Mai 1933- RGBl.I S 293- sowie auf Grund des Erlasses des Führers und Reichskanzlers vom 29. Mai 1941 – RGBl.I S. 303- wird das gesamte Vermögen des Leopold Israel Katzenstein … hiermit zu Gunsten des Deutschen Reiches eingezogen.“ Auch auf die vorgeschrieben Veröffentlichung der Einziehung, nämlich per Aushang im Regierungsgebäude in Wiesbaden, Luisenstr. 13. während der Zeit vom 14. Mai 1943 bis zum 28. Mai 1943, wurde ordnungsgemäß verwiesen.[47]

Darauf hin bat die Gestapo Frankfurt das Finanzamt Wiesbaden im Juli 43 um Übernahme der Vermögenswerte. Dieses war allerdings schon von sich aus aktiv geworden und verlangte vom Amtsgericht die Umschreibung des Hausgrundstücks Emser Straße, das man schon längst verwaltete und verwertete, auf das Deutsche Reich. [48] Hier geriet man aber wieder an den Oberamtsrichter Schmidt von Rhein, der den weiteren Fortgang nicht verhindern, aber wieder verzögern konnte. Er monierte, dass der Umschreibungsanforderung ein Nachweis darüber fehle, „dass und wann die Einziehungsverfügung den Juden bekannt gemacht wurde“. Außerdem wollte er wissen, „wer das hiesige Vermögen der Juden an sich nahm.“ Man teilte ihm mit, dass die entsprechende Verfügung des Regierungspräsidenten vom 27. August 1942 der Jüdin Katzenstein am folgenden Tag zugestellt worden und das bewegliche Vermögen von Beamten des Finanzamts übernommen worden sei. [49] Am 8. Februar erfolgte dann die Umschreibung im Grundbuch zu Gunsten des Deutschen Reiches.[50]
Das „Judenhaus“ in der Emser Str. 26.a war inzwischen judenfrei. In den drei Wohnungen hatten zuletzt vermutlich etwa 10 Personen gewohnt. Sieben von ihnen wurden von hier aus deportiert. Zwei davon waren Verwandte von Katzensteins.

Lange bevor diese Enteignung Katzensteins formaljuristisch abgeschlossen war, bevor auch Dora Katzenstein deportiert und ermordet wurde, waren die ersten auf den Plan getreten, die Nutznießer dieses Raubes sein wollten. Ein Volksgenosse Nikolas Berg meldete sich schon im Juli 1942 beim Finanzamt Wiesbaden mit der Bitte, falls das Haus Emser Str. 26a verkauft werden solle, so möge man ihn – Parteimitglied und derzeit bei der Wehrmacht – auf jeden Fall berücksichtigen.[51]

Das Haus stand aber vorläufig nicht zum Verkauf, denn der Oberfinanzpräsident Kassel hatte bereits im Januar 1942 im Hinblick auf die „Grundstücke von Juden, die ins Ausland abgeschoben worden sind oder noch werden“ verfügt, das „die Wohnungen sobald als möglich bewohnbar gemacht werden sollen und vorzugsweise an Trennungsentschädigung beziehende Reichsbedienstete (ausdrücklich nicht nur die der Finanzverwaltung !) zum ortsüblichen Mietpreis zu vermieten“ seien. Die Instandsetzungsarbeiten seien auf das Nötigste zu begrenzen. [52] Der geklammerte Einschub lässt vermuten, dass offensichtlich die an der Quelle sitzenden Finanzbeamten ihre Position häufig dazu genutzt hatten, sich günstig in solche schöne Wohnungen einzumieten, sie vielleicht sogar zu erwerben.

Der Bewerber, Regierungsbaurat Dr. Ing. Iwanowski vom Luftgaukommando, entsprach dagegen bestens den geforderten Kriterien und erhielt auch den Zuschlag. Da er seine Breslauer „100% gepflegte Komfort-Wohnung“ einer kinderreichen deutschen Familie überlassen habe, die ohne weitere Reparaturen sofort dort habe einziehen können, bat er angesichts des angeblich schlechten Zustands der hier zu übernehmenden Wohnung um eine grundlegende Renovierung. Er machte diesbezüglich auch detaillierte Vorgaben, wie Türen und Fenster zu streichen, Küche und Treppenhaus neu zu gestalten seien.
Er habe im Übrigen in Erfahrung gebracht, dass alle jüdischen Wohnungen vor ihrer Neuvermietung renoviert würden und auch entsprechendes Material, wie Tapeten, und die notwendigen Arbeiter zur Verfügung ständen. [53]

Der Mietvertrag kam zustande und auch die Renovierungsarbeiten wurden nach dem Plazet des dafür zuständigen Arbeitsamts Wiesbaden durchgeführt, wenngleich nicht zur Zufriedenheit des Regierungsbaurats, weshalb es im Nachhinein noch zu einigen Auseinandersetzungen mit dem Hausverwalter Heinzmann bzw. dem Finanzamt kam.

Auch bei der Finanzierung der Renovierungsarbeiten gab es Probleme. Die dem Finanzamt Wiesbaden vorgesetzte Behörde in Kassel wies darauf hin, dass der Mieter Wehrmachtsangehöriger sei, er damit nicht der Wohnungsfürsorge der Reichsfinanzverwaltung unterliege, weshalb die Kosten aus der Verwertung des Hauses, sprich: den Mieteinnahmen, aufzubringen seien. [54]

Am 24. November 1942 war ein weiterer Mietvertrag mit dem Bannführer Eisenreich abgeschlossen worden. [55] Während Iwanowski den ersten Stock erhalten hatte, zog Eisenreich mit Frau in den zweiten, in die günstigere Dachgeschosswohnung. Zudem sollte er – die Qualifikation brachte er sicher als Bannführer mit – laut einem Schreiben des Hausverwalters Heinzmann „die Fürsorge für das dortige Haus … im Interesse der Ordnung und der Sauberkeit“ übernehmen.[56]

1943 kümmerte sich auch der rege Leiter der Wiesbadener Gemäldegalerie Voss erneut um einen Teil des eingezogenen Vermögens der Katzensteins, nämlich um die Kunstsammlung, die er schon zwei Jahre zuvor im Hinblick auf ihre künstlerische Wertigkeit begutachtet hatte. Im März, kurz vor seinem Weggang nach Dresden, wurden die Bilder jetzt von ihm preislich taxiert. Drei Bilder, die er insgesamt auf 8.000 RM geschätzt hatte, wurden von ihm ausgesucht, um sie der Wiesbadener Sammlung einzuverleiben. An den Landeskulturleiter ging die Instruktion, „dass für die Erwerbung der Bilder Interesse von Seiten der Gemäldegalerie bestehe, und zwar zu den angesetzten und bis heute beibehaltenen Preisen“.[57] Voss setzte also die Preise genau der Bilder fest, die er anschließend als Leiter der Galerie zu kaufen gedachte. Allerdings reichte der vorhandene Etat für den Ankauf dieser Gemälde –trotz der wenig marktkonformen Preisgestaltung – nicht aus, was aber dank seiner außergewöhnlich guten Beziehungen zu Oberbürgermeister und Kulturdezernat kein wirkliches Problem darstellte. Der Etat wurde im Oktober 1943 einfach auf 50.000 RM angehoben [58] und die Gemäldegalerie konnte die ihr von der Vollstreckungsstelle des Finanzamts angebotenen Werke zur Freude der Wiesbadener Bürger ankaufen.[59]

Immerhin kann man insofern von einer glücklichen Fügung sprechen, als diese drei Bilder nach dem Krieg dem Sohn Fritz wieder zurückgegeben werden konnten. Die meisten der übrigen Kunstwerker wurden vermutlich versteigert und erfreuen wohl noch immer Menschen, denen sie nie wirklich gehört haben. Eine hölzerne Marienstatue aus dem 15 Jahrhundert hat allerdings später noch ihren Weg zu Fritz Katzenstein gefunden, vermutlich das wertvollste Stück aus der Sammlung. Es gehört durch die Donnation der Enkel heute zur Sammlung des Kunstmuseums in St. Louis.[60]

Es ist wohl eine zufällige Koinzidenz, dass genau an dem Tag, an dem Dora Katzenstein in Auschwitz ermordet wurde, am 23. Januar 1943, die Versicherungsagentur Braidt beim Finanzamt Wiesbaden in gestelzter Sprache anfragt, wer denn nun die Haftpflichtversicherung für das Grundstück des Juden Katzenstein zahle: „Wir haben den fälligen Beitrag bei Frau Katzenstein eingefordert, haben aber keine Zahlung und auch keine Nachricht bislang erhalten. Daher nehmen wir an, dass auch dieses Grundstück von (! sic) Staate einstweilen in Verwaltung genommen worden ist.“ [61] Man ging davon aus, dass nun der Fiskus die fällige Prämie zahlen würde. Dem war aber nicht so. Die schroffe Antwort kam prompt: „Das Reich versichert sich gegen Schäden jeglicher Art selbst. Die von Juden geschlossenen Verträge werden daher nicht fortgesetzt.“ Welch ein Irrtum. Eine Versicherung für all die angerichteten Schäden des Reichs gab es nicht!

 

Am 22. Februar 1945 meldete der Hausverwalter Heinzmann dem Finanzamt, dass das ehemalige Judenhaus bei dem „Terrorangriff“ vom 2. Februar durch einen Volltreffer vollständig zerstört worden sei und weitere Mietzahlungen nicht zu erwarten seien.[62]

Das Naziregime war durch die Truppen der Alliierten fast niedergerungen und Fritz Katzenstein war als Soldat des US Army Medical Corps mit dabei. Zu diesem Zeitpunkt wusste er, dass sein Vater umgekommen war. Er hatte aber noch Hoffnung seine Mutter lebend in einem der Lager zu finden. Nach Aussagen von Dodie Katzenstein war er einer der ersten amerikanischen Soldaten, die nach der Befreiung ein KZ betreten haben. Das Grauen, das er hier sehen musste, habe ihm aber alle Hoffnung auf ein Wiedersehen genommen.

Nach dem Krieg hatte die amerikanische Militärbehörde das Grundstück Emserstraße zunächst beschlagnahmte. Am 14. Januar 1950 wurde es dann dem Alleinerben Dr. Friedrich Karl Katzenstein, wohnhaft in Salem, Illinois, USA, per Amtsgerichtsbeschluss zurückgegeben und ein entsprechender Eintrag im Grundbuch vorgenommen.[63] Auch die Firma „Pharmazeutische Industrie Dr. Leopold Katzenstein“ und die ansonsten entzogenen Vermögenswerte wurden nach den Vorgaben der Entschädigungsbehörde wieder zurückerstattet oder entschädigt. Auch wenn die geleisteten Zahlungen den wirklichen Schaden nie auch nur ansatzweise beheben konnten, so ist es umso erstaunlicher, dass der Sohn und auch die Enkel von Dora und Leo Katzenstein sich deren Heimat wieder zuwandten.

Fritz Katzenstein, der schon in den 60er Jahren mit der Familie nach Wiesbaden gereist war, um ihr seine Heimat und die seiner Eltern zu zeigen, habe – so Dodie – nie Zorn, Bitterkeit oder Gram gezeigt. Er habe es zumindest oberflächlich geschafft die Vergangenheit hinter sich zu lassen, aber in vielen kleinen Alltäglichkeiten habe sich gezeigt, welche tiefen Spuren die Zeit der Verfolgung in seinem Innersten hinterlassen habe. Seine Muttersprache hat er seinen Kindern nicht vermittelt, auch Autos deutscher Fabrikate seien nie gekauft worden. In jedem Frühjahr habe er aber lange Autofahrten auf sich genommen, um Spargel kaufen zu können. Dieses „arische“ Gemüse war in der Nazizeit Juden zu kaufen nicht gestattet. Früher habe sie nie verstanden, wieso es in ihrer Familie immer nur Spaniels als Familienhunde gab, bis sie eines Tages ein Foto von Dora, Leo und Fritz zusammen mit einem Hund genau dieser Rasse gesehen habe. Der Hund musste abgegeben worden sein, als es Juden per Dekret verboten wurde, Haustiere zu halten.[64]

Dodie Katzenstein selbst engagiert sich heute im „Vancouver Holocaust Education Center“, um die Erinnerung an das damalige Geschehen wach zu halten. Im Jahr 2009 war sie zuletzt in Wiesbaden, um an der Verlegung der Stolpersteine vor der ehemaligen Wohnung ihrer Großeltern in der Wilhelmstr. 42 teilzunehmen. [65] Ihr Bruder Larry besuchte mit seiner Frau und Tochter die Heimat seiner Großeltern erneut im Jahr 2017.

 

 

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Anmerkungen:

 

[1] Die Charakterisierung „säkular“ stammt von Dodie Katzenstein, der Enkelin von Leo und Dora Katzenstein. Sie ist einem beeindruckenden Artikel entnommen, in dem sie ihre späte Annäherung an ihre Großeltern beschreibt, nachdem ihr der Briefwechsel zwischen ihrem Vater und dessen Eltern in die Hände gefallen war, siehe Dodie Katzenstein, My Grandparents’ Letters, in: Zachor – Remember, Vancouver Holocaust Education Center Newsletter, 4, November 2006, S .4.

[2] Diese Angaben beruhen auf Notizen, die Dodie Katzenstein über Gespräche mit ihrer Cousine Angelika Ellman-Krüger niederschrieb und mir zur Verfügung stellte. Frau Ellmann-Krüger hat die Familiengeschichte der Katzensteins, besonders die, die aus der zweiten Ehe von Jakob Eisemann Katzenstein mit Johanna Rosenbaum resultierte, intensiv erforscht. Sie selbst ist eine Urenkelin von Jakob Eisemann Katzenstein und Johanna Rosenbaum. Ihr Großvater, der Arzt Dr. Erich Ebstein, ein Sozialist und engagierter Kämpfer für die Freigabe der Abtreibung in der Zeit der Weimarer Republik, wurde deshalb mehrfach verhaftet und zu Gefängnisstrafen verurteilt. Er war mit Selma Katzenstein verheiratet, der Stiefschwester von Leo Katzenstein. Deren Tochter, Gertrud / Trude Katzenstein wiederum hatte 1932 den Buchhändler und Nichtjuden Hans Link geheiratet. In Kaiserslautern, ihrem damaligen Wohnsitz, wurde ihr Geschäft in der Reichspogromnacht zerstört. In Berlin kamen sie bei Gertruds Mutter, Selma Ebstein unter, die dort ein jüdisches Altersheim leitete. Obwohl in einer sogenannten „privilegierten Mischehe“ lebend, wurde Gertrud verhaftet. Sie gehörte zu den wenigen Frauen, die im Winter 1943 in Berlin in der Rosenstraße inhaftiert wurden, was damals die mutigen Proteste der nichtjüdischen, zumeist weiblichen Ehepartner auslöste. Gertrud Link kam frei, aber sie und ihr Ehemann mussten bis zum Kriegsende Zwangsarbeit verrichten. Ihre Mutter, Selma Ebstein, wurde am 19.4.43 von Berlin aus nach Auschwitz deportiert und unmittelbar nach Ankunft des Zuges in die Gaskammer geschickt. Die beiden Kinder des Ehepaars Link, Angelika und Reiner, erfuhren erst 1945, dass auch sie jüdische Wurzeln haben.

[3] Neben Leopold waren das nach Angaben der Enkelin Dodie Katzenstein Bertha, Jakob, Jettchen (Henriette), Julie und Arnold. Zumindest von Julie, geb. am 2. April 1875, und dem jüngeren, am 15. Februar 1878 geborenen Bruder Arnold weiß man, dass sie Opfer des Holocaust wurden. Zu Julie Stern, geb. Katzenstein,siehe unten.

[4] Ihre Eltern waren der Bankier Gustav und Johanna Pfeiffer, geb. Carlebach. Er war um 1855 in Wöllrietenhof in Mittelfranken, sie um 1860 in Mainz geboren worden. Angaben aus ‚DB Jüdische Bürger Wiesbadens des Stadtarchivs Wiesbaden’.

[5] So bewunderte Hedwig Busch, die langjährige Haushälterin, in ihrer eidesstattlichen Erklärung zu den Vermögensverhältnissen der Katzensteins die „besonders reichhaltigen Wäscheaussteuer und Ausstattung an Kleidern“, siehe HHStAW 518 785 (21).

[6] Dr. med. Leo Katzenstein, Wiesbaden und seine Heilfaktoren, Wiesbaden 1908. Das Werk, erschienen im „Selbstverlag der Kurverwaltung“ war mit dem „Ersten Preis der Stadt Wiesbaden“ ausgezeichnet worden. Es enthält neben allgemeinen Ausführungen zur geographischen Lage, zu touristischen Highlights auch viele statistische Angaben zur medizinischen und hygienischen Versorgung der Stadt. Der Hauptteil ist der Zusammensetzung und der Wirkung der verschiedenen Quellen gewidmet.

[7] HHStAW 518 785 (257-266) Gutachten des Wirtschaftsprüfers Meisner über das Unternehmen aus dem Jahr 1949. Heute beherbergt das Fabrikgebäude in Erbenheim den Campus der privaten Obermayer-Schule, die in ihrer Homepage erfreulicherweise auf diesen historischen Hindergrund verweist, siehe http://eduaktiv.de/hp476/Wo-Geschichte-zur-Verpflichtung-wird.htm. (Zugriff: 21.11.2017). Auf Ebay oder auf Flohmärkten kann man die Metallschatullen für die Pastillen, ein begehrtes Sammlerobjekt, heute noch erstehen.

[8] Im Erinnerungsblatt des AMS ist als Umzugsdatum 1927 genannt, siehe http://www.am-spiegelgasse.de/wp-content/downloads/erinnerungsblaetter/EB-Katzenstein.pdf, (Zugriff: 21.11.2017). Erkundigungen der Polizei im Auftrag der ‚Betreuungsstelle Entschädigungen’ ergaben das Jahr 1925, siehe HHStAW  518 785 (12).

[9] So die Charakterisierung der Hausangestellten Frau Busch, siehe HHStAW 518 785 (21).

[10] HHStAW 518 19261

[11] HHStAW 518 785 (21).

[12] Katzenstein, My Grandparents’ Letters, a.a.O. S. 4.

[13] HHStAW 518 785 (8) in der Geburtsurkunde wurde Karl mit „K“ geschrieben, in den Dokumenten ist aber durchweg die Variante „Carl“ zu lesen.

[14] HHStAW 518 19261 (3).

[15] HHStAW 518 19261 (56).

[16] HHStAW 518 785 (16-20) In der polizeilichen Abmeldung heißt es „F.C.Katzenstein am 18.10.36 nach USA, studienhalber für 2 Jahre“. Ebd. (217) Tatsächlich hatte Fritz auch einen Rückfahrtsbillet erworben, für den Fall, dass er in den USA nicht würde Fuß fassen können. Ebd. (77) Er praktizierte dann in den USA als Arzt nach Angabe seiner Tochter bis ins hohe Alter von 84 Jahren. Siehe Katzenstein, My Grandparents’ Letters, a.a.O. S., S. 6.

[17] HHStAW 519/3 3646 (1).

[18] HHStAW 519/3 3646 (3)

[19] Eine Kopie der Liste findet sich in HHStAW 518 785 (23-26). Der im Entschädigungsverfahren von F. C. Katzenstein beauftragte Rechtsanwalt hatte zurecht darauf hingewiesen, dass der wirkliche Wert wohl deutlich über dieser Summe lag, weil man als jüdischer Eigentümer damit rechnen musste, dass diese Anmeldung Grundlage für eine weitere Besteuerung sein würde, weshalb man vorsichtshalber den Wert der Gegenstände eher minderte.

[20] HHStAW 519/3 3646 (1).

[21] HHStAW 518 785 (228) Seine Häftlingsnummer war 25006.

[22] HHStAW 518 785 (245 f.) Laut Meldung des IRK war das Entlassungsdatum der 24. 11.1938. „Krebs und Eber“ waren auch an der Arisierung des französisch-jüdischen Unternehmens „Urphacolor“ beteiligt. Laut Vertrag hatten sie am 11.12.1941 93 % des Aktienkapitals im Wert von 9 Mio. Belgische Franc für 5.602.500 Belgische Franc an sich gebracht. Sie dazu https://www.fold3.com/image/287217541/ (Zugriff: 21.11.2017).  und https://www.fold3.com/image/287217525/. (Zugriff: 21.11.2017).

[23] Ob dies wirklich genau so geschah, ist fraglich. Belegt sind die erste Zahlung von 100.000 RM im April 1939 und die der „Restkaufsumme“ von 43.077,35 RM im Juni des gleichen Jahres. HHStAW 519/3 3646 (13 u.14) In der 1940 von der Devisenstelle in Frankfurt erneut geforderten Vermögensaufstellung nennt L. Katzenstein u.a. eine Beteiligung an der sich in Liquidation befindlichen Firma „Pharmaceutische Industrie“ in Höhe von 17.558 RM, davon „RM 15.000 unsichere bestrittene Forderungen an die Käufer obiger Firma“. Ebd (33). Allerdings erfolgt dann im Oktober 1940 doch noch einmal eine Nachzahlung in Höhe von 12.000 RM auf das Sicherungskonto, sodass vermutlich letztlich doch die vereinbarte Summe gezahlt worden war. Ebd. (45).

[24] HHStAW 518 785 (257-266).

[25] Ebd. Interessant ist allerdings, dass der Sohn Fritz Katzenstein spatter den Kontakt zu den Erwerbern wohl gesucht hatte, wie Dodie Katzenstein berichtet: „He maintained some connections with the company for Years; all my childhood colds were treated with Risinetten cough drops and a pungent decongestant ointment mailed from the factory.” Dodie Katzenstein, My Grandparents’ Letters, in:  Zachor – Remember, Vancouver Holocaust Education Center Newsletter, 4, November 2006, S .4. Ein Blanko.Rechnungsformular der Firma “Krebs & Eber” mit den verschiedenen Risin-Präparaten ist zu finden unter https://www.fold3.com/image/287217545/.(Zugriff: 21.11.2017).

[26] HHStAW 519/3 3646 (9).

[27] HHStAW 519/3 3646 (12).

[28] Brief aus dem Privatarchiv von Dodie Katzenstein.

[29] Katzenstein, My Grandparents’ Letters, a.a.O. S. 5.

[30] HHStAW 518 785. Zumindest für einen Teil der abgelieferten Wertgegenstände existiert ein Ablieferungsschein des Wiesbadener Rechtsamts vom 3. Mai 1939 in Höhe von 1.016 RM, im Entschädigungsverfahren wurde das Tafelsilber mit 2.500 RM taxiert. Ebd. (16 ff.).

[31] HHStAW 518 19261 (2) und HHStAW 518 785 (248) Nach einem Gutachten des Juweliers Röhl  vom 3.4.39 hatten die Gegenstände einen Wert von 1.900 RM.

[32] Zu Voss siehe die umfassende Monographie von Iselt, Hermann Voss, a.a.O.

[33] Archiv Museum Wiesbaden, Akte „Entartete Kunst“, Polizeipräsident Wiesbaden  an Voss, 16.Juli 1938, zit. nach Kathrin Iselt, „Sonderbeauftragter des Führers“. Der Kunsthistoriker und Museumsmann Hermann Voss (1884-1969), Köln 2010, S. 117.

[34] Iselt, Hermann Voss a.a.O. S. 122, die Jahresangabe 1941 nennt Iselt ohne Nachweis.

[35] HHStAW 518 785 (21).

[36] Dodie Katzenstein, My Grandparents’ Letters, in:  Zachor – Remember, Vancouver Holocaust Education Center Newsletter, 4, November 2006, S .5. Anfragen bei den Bewohnern durch die Polizei im Rahmen des Entschädigungsverfahren nach dem Krieg ergaben das Jahr 1940 als Umzugsjahr, siehe HHStAW 518 785 (12). Gegen diese Datierung sprechen aber auch die Angaben der Haushälterin Busch, die in ihrer eidesstattlichen Erklärung als Zeitpunkt den Herbst 39 nennt. (21).

[37] HHStAW 519/3 3646 (43) Siehe zum Auktionshaus Jäger die vielen Anzeigen im „Nassauer Volksblatt“ aus den Jahren 1939 – 1942, z.B. Nassauer Volksblatt vom 17.10.1941, vom 21.4.1940, vom 6.3.1940 oder vom 21.2.1940.

[38] HHStAW 519/3 3646 (33).

[39] Katzenstein, My Grandparents’ Letters, a.a.O. S., S .5.

[40] HHStAW 519/3 3646 (51).

[41] Privatarchiv von Dodie Katzenstein.

[42] HHStAW 519/3 3646 (53).

[43] HHStAW 519/3 3646 (55).

[44] Auf diesem Briefpapier war oben der folgende Text aufgedruckt: „Der Tag der Entlassung kann jetzt noch nicht angegeben werden. Besuche im Lager sind verboten. Anfragen sind zwecklos.“ Des Weiteren ein Auszug aus der Lagerordnung: „Jeder Häftling darf im Monat 2 Briefe oder Postkarten empfangen und absenden. Eingehende Briefe dürfen nicht mehr als 4 Seiten á 15 Zeilen enthalten und müssen übersichtlich und gut lesbar sein. Pakete jeglichen Inhalts sind verboten. Geldsendungen sind nur durch Postanweisungen zulässig, deren Abschnitt nur Vor-, Zuname, Geburtstag, Häftlingsnummer trägt, jedoch keinerlei Mitteilungen. Geld, Fotos und Bildeinlagen in Briefen sind verboten. Die Annahme von Postsendungen, die dn (sic !) gestellten Anforderungen nicht entsprechen, wird verweigert. Unübersichtliche, schlecht lesbare Briefe werden vernichtet. Im Lager kann alles gekauft werden. Nationalsozialistische Zeitungen sind zugelassen, müssen aber vom Häftling selbst im Konzentrationslager bestellt werden. Der Lagerkommandant.“ Ein Faksimile dieses letzten Briefes ist auf dem Erinnerungsblatt des Aktiven Museums Spiegelgasse für das Ehepaar Katzenstein abgedruckt. Siehe http://www.am-spiegelgasse.de/wp-content/downloads/erinnerungsblaetter/EB-Katzenstein.pdf. (Zugriff: 21.11.2017).

[45] HHStAW 518 785 (229) und HHStAW 519/2 2221 Bd. 3 die Sterbeurkunde

[46] Zu ihrem Gedenken hat Angelika Ellman-Krüger in Yad Vashem eine „Page of Testimony“ hinterlegt, siehe https://namesfs.yadvashem.org/YADVASHEM/new_app/200503311544_294_7890/4.jpg. (Zugriff: 21.11.2017).

[47] HHStAW 519/2 2221 Bd. 3.

[48] Die Devisenstelle hatte bereits im Oktober 42 der Commerzbank die Einziehung des Vermögens mitgeteilt. In dem Depot waren im Juli 1943 noch 172.000 RM, siehe HHStAW 519/3 3646 (58) und HHStAW 519/2 2221 Bd. 3.

[49] HHStAW 519/2 2221 Bd. 3 Die Mitteilung an das Amtsgericht ist handschriftlich auf der Rückseite des Briefs vom Amtsgericht notiert.

[50] Ebd.

[51] HHStAW 519/2 2221 Bd. 1 (1) Er wurde auch in die Liste aller Interessenten an jüdischen Grundstücken vom 20 Oktober 1942 aufgenommen, siehe HHStAW 519/2 3149.

[52] HHStAW 519/2 2221 Bd. 1 (35).

[53] HHStAW 519/2 2221 Bd. 1 (2) „Die hiesige mir zugewiesene Wohnung wurde von 3 bzw. 4 jüdischen Parteien bewohnt und befindet sich daher auch in einem dementsprechenden Zustande.“

[54] HHStAW 519/2 2221 Bd. 2 (40).

[55] HHStAW 519/2 2221 Bd. 2 (9) auch hier gibt es später Streit um die Miethöhe.

[56] HHStAW 519/2 2221 Bd. 1. (Schreiben vom 8.1.1943).

[57] Archiv Museum Wiesbaden , Akte „Anträge auf Ankäufe 1934-1944“, zit. Nach Iselt, Hermann Voss, a.a.O. S. 122.

[58] Ebd. S. 122 Anm. 176.

[59] Zu den Details des gesamten Vorgangs Iselt, Hermann Voss, a.a.O. S. 121 f. Zurecht weist die Autorin darauf hin, dass die wahren Eigentümer zu diesem Zeitpunkt bereits tot waren. Leider gibt sie aber fälschlicherweise für Dorothea Katzenstein den Deportationstag 1.9.1942 als deren Todestag und das Deportationsziel Theresienstadt als Sterbeort aus. Richtig wäre der 21.3.1943 als Todesdatum und Auschwitz als Sterbeort gewesen. Leider sind auch die Geburtsorte von Leo und Dorothea Katzenstein vertauscht. Leo wurde in Vacha und Dorothea in Wiesbaden geboren, nicht umgekehrt. Die Geburtstage als solche sind aber richtig angegeben.

[60] http://emuseum.slam.org:8080/emuseum/internal/media/dispatcher/3861/resize:format=preview;jsessionid=7B47D901FC4291FBD1E42993C9874B8A. Von besonderem Interesse ist auch ein zweites Werk von einer Renata Stih mit dem Titel „The Voyage of the Katzenstein Madonna“, das den Weg der Madonna von Frankfurt über Wiesbaden, Salem in Illinois, nach St. Louis nachzeichnet. Siehe http://emuseum.slam.org:8080/emuseum/internal/media/dispatcher/135294/resize:format=full;jsessionid=7B47D901FC4291FBD1E42993C9874B8A. Nach Angaben von Dodie Katzenstein erhielten die Enkel auch ein Serviceteil aus der großen Sammlung mit Meißener Porzellan zurück. Ihr Vater versuchte diese Sammlung anhand von alten Fotos durch Ankäufe wieder zu vervollständigen.

[61] HHStAW 519/2 2221 Bd. 1.

[62] HHStAW 519/2 2221 Bd. 1.

[63] HHStAW 519/2 2221 Bd. 1.

[64] Katzenstein, My Grandparents’ Letters, a.a.O. S. 6.

[65] Dodie Katzenstein, Stolpersteine: Paving A Path to Remembrance, in: Zachor 2010/3 Juli, S. 4f.