Rosa Clementine Hirsch

Verwirrend sind die Angaben zu einer weiteren zeitweiligen Bewohnerin der Adelheidstraße, nämlich zu Rosa Meier. Ursache dafür sind die zwei Karteikarten, die die Gestapo in Wiesbaden für sie angelegt hatte.
In der einen wird ihr Geburtsname mit Hirsch angegeben, in der anderen wird sie als Rosa Hirsch, geborene Seufert bezeichnet. Geburtsdatum und der Geburtsort werden auf beiden Karten aber mit dem 13. März 1903 in Dirmstein bei Frankenthal in der bayrischen Pfalz übereinstimmend und auch richtig angegeben.[1]

Die unterschiedlichen Angaben beziehen sich mit Sicherheit auf ein und dieselbe Person, nämlich auf Rosa Clementine Hirsch, die am 13. März 1903 in Dirmstein geboren wurde.[2] Ihr Vater war der Schuhhändler Salomon Hirsch aus Birkenau im Kreis Heppenheim, der seit 1910 in Dirmstein lebte. Seine Ehefrau, die Mutter von drei weiteren Töchtern, war in Dirmstein geborene Dina Strauss.[3] Die drei Schwestern von Rosa, die am 24. August 1905 geborene Irma, die am 19. September 1907 geborene Frieda und die zuletzt am 16. Mai 1909 geborenen Lilli waren wohl zunächst alle in ihrem Geburtsort Dirmstein geblieben. Nur zu Rosa gab es 1939 einen Eintrag „vorübergehend abwesend“.[4]

Etwa zu dieser Zeit, in der die Volkszählung stattfand, muss Rosa nach Wiesbaden gekommen sein, denn der erste Zensus-Eintrag gibt noch die Mittelstr. 1 in – jetzt richtig ! – Dirmstein, der zweite hingegen schon die Waterloostr. 4 Erdgeschoss in Wiesbaden als Adresse an. Dies stimmt auch mit den Angaben der zweiten Gestapo-Karteikarte überein, auf der ebenfalls die Waterloostr. 4 – bei Herzfeld – als erste Anschrift eingetragen ist. Unter Zugang ist vermerkt „am 6.5.39 aus Dirmstein“. Ab dem 1. September 1939 wohnte sie dann bei Hartz in der Humboldtstr. 94 und ab dem 15. Januar 1940 im Judenhaus Adelheidstr. 94.[5]
Die vielen Umzüge in kurzer Zeit erklären sich mit dem auf der zweiten Karteikarte angegeben Beruf von Rosa, nämlich der einer Haushälterin.

Der in die Unterlagen immer wieder falsch angegebene Geburtsname „Seufert“ wurde offensichtlich durch ihre erste, am 21. April 1928 geschlossene Ehe mit dem aus Heidelberg stammenden Kaufmann Friedrich Emil Hermann Seufert verursacht. Die Ehe war aber am 15. Dezember 1933 wieder geschieden worden und Rosa Seufert hatte hier beim Standesamt in Wiesbaden am 9. Juni 1938 wieder ihren Mädchenname Hirsch angenommen.[6] Demnach  müsste sie, anders als der Eintrag auf der Gestapo-Karteikarte glauben macht, zu dieser Zeit schon in Wiesbaden zumindest mit einem zweiten Wohnsitz gewohnt haben. Wenn dem so war, dann war sie auf diese Weise zunächst auch dem Schicksal ihrer übrigen Familie entkommen.

Laut der Chronik von Birmstein hatte Salomon Hirsch sein Schuhgeschäft schließen müssen, die Schuhe waren beschlagnahmt, das Haus verkauft worden und die Familie war im Weiteren auf die öffentliche Fürsorge der Gemeinde angewiesen. Der Tochter Frieda war es im Juli 1938 noch gelungen, allerdings unter Zurücklassung ihres Sohnes David, nach Argentinien auszuwandern, während die beiden Schwestern Irma und Lilly, mit den Eltern und dem Enkel David am 20. Oktober 1940 verhaftet und im Rahmen der sogenannten Wagner-Bürgel-Aktion über Mannheim in das ursprünglich für die Spanienkämpfer errichtete berüchtigte Internierungslager Gurs in Frankreich deportiert wurden.[7] Zu diesem Zeitpunkt hatte Rosa Wiesbaden und das Judenhaus in der Adelheidstr. 94 bereits wieder verlassen. Sie war nach Angaben der Gestapo-Kartei am 20. Juni 1940 nach Holzhausen über Aar verzogen, nachdem sie drei Tage zuvor den von dort stammenden Gustav Meier, geb. am 27. Juli 1903, geheiratet hatte.[8]

Offensichtlich war sie über das Schicksal ihrer Familie informiert, denn ihre nur aus drei Seiten bestehende Devisenakte mit dem Zeichen JS 12026 enthält einen Brief, der am 9. Januar 1939 in Holzhausen geschrieben und an die Devisenstelle in Frankfurt gerichtet war.
Darin bittet die „Unterzeichnete … höflichst für Ihre (sic !) Eltern und Geschwister, die im Oktober aus der Pfalz evakuiert nach Camp de Gurs wurden, um gefällige Genehmigung für 2 Kg. Päckchen nötiger Gebrauchsgegenstände senden zu dürfen. Vielleicht darf ich auch um gefällige Auskunft bitten, was man eigentlich schicken darf, was u. wie vorschriftsmäßig die Art der Verpackung sein darf.“
Notwendiges Rückporto legte sie bei und sie bat darum, falls die Genehmigung gebührenpflichtig sein sollte, um Rücksendung per Nachnahme.
Unterzeichnet ist der Brief mit: „Für Ihre Aufmerksamkeit aufrichtigen Dank u. zeichne mit aller Hochachtung Frau Rosa, Sara Meier-Hirsch“[9]

Die überaus höflichen, geradezu gedrechselten Formulierungen könnten ihren Grund darin haben, dass Rosa Meier um ihrer Verwandten willen unbedingt das Wohlwollen der Behörde zu erlangen wünschte. Es könnte aber auch sein, dass darin die zur zweiten Natur gewordenen Umgangsformen einer Hausangestellten ihren Niederschlag gefunden haben.

Auf den Bearbeiter auf der Devisenstelle machte das aber keinen besonderen Eindruck, er vermerkte vielmehr bereits am folgenden Tag auf den Brief handschriftlich, dass die Bitte abzulehnen sei: „Nicht möglich, da unbesetzt. Frankreich !“ Dennoch wurde erst einmal eine Akte mit den entsprechenden Vermerken, Karteikarten, Mappen usw. angelegt. Am 14. Januar teilte man dann Rosa Meier mit, „dass Postsendungen nach Feindländern gemäss den z. Zt. geltenden Bestimmungen nicht genehmigt werden können.“
Die Anordnung, die entsprechenden bürokratischen Eintragungen in der Akte vorzunehmen, endet mit dem Befehl: „Weglegen“.[10] Ob es noch weitere Kontakte zu den verschleppten Eltern und Geschwistern gab, ist unbekannt.

Während die Mutter Dina am 27. Oktober 1941 noch in Gurs verstarb, wurden der Vater mit den beiden Töchtern Irma und Lilly am 14. August 1942 mit vielen anderen Lagerinsassen nach Auschwitz verbracht und dort ermordet.

Rosa selbst wurde am 11. Juni 1942 in dem Transport mit der Zugnummer ‚Da 18’ mit insgesamt 1253 anderen Juden, aus Frankfurt, Wiesbaden, und aus verschiedenen Gemeinden Mittel- und Südhessens in die Vernichtungslager Sobibor bzw. Majdanek gebracht. Ihr Mann, der auf dem gleichen Transport war, blieb wohl in Majdanek, wo er am 11. September umgebracht wurde, Rosa wurde wie alle anderen unmittelbar nach ihrer Ankunft in Sobibor in die Gaskammer geschickt.

 

 

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Anmerkungen:

 

[1] Im Minority Census von 1939 tauchen zwei Personen namens Rosa Meier auf, die beide nicht völlig mit diesen Angaben übereinstimmen, aber dennoch die gleiche Person meinen. Zum einen ist hier eine Rosa Meier geb. Hirsch verzeichnet, deren Geburtsdatum aber der 14. März 1903 ist und die in Dirnstein geboren worden sein soll, zum anderen eine Rosa Meier mit dem richtigen Geburtsdatum 13. März 1903, deren Geburtsname allerdings Seufert gewesen sein soll. Ihr Geburtsort wird zudem mit Wirnstein bei Frankenthal angegeben.

[2] Eine Kopie der Geburtsurkunde des Standersamts Dirmstein wurde mir von Herrn Kober freundlicherweise zur Verfügung gestellt. Hierin ist auch vermerkt, dass Rosa 1938 den weiteren Vornamen Reha als Zwangsnamen angenommen hatte. Der Geburtstag des Vaters Salomon Hirsch war der 13.10.1875, der der Mutter der 24.8.1872.

[3] Siehe dazu ebenfalls die Geburtsurkunde und die Angaben in: Dirmstein – Adel, Bauern und Bürger, Chronik der Gemeinde Dirmstein, Selbstverlag der Stiftung zur Förderung der pfälzischen Geschichtsforschung, Neustadt an der Weinstraße 2005, S. 335. Hier wird allerdings das Geburtsdatum wieder fälschlich mit dem 14. März 1903 angegeben.

[4] Ebd.

[5] Auf der zweiten Karteikarte sind diese Wohnungswechsel nicht enthalten, einzig die Adelheidstr. 94 ist allerdings ohne Datumsangabe eingetragen.

[6] Eine Kopie des Standesamtsregisters mit den entsprechenden Einträgen verdanke ich ebenfalls Herrn Kober.

[7] Der bei seiner Verhaftung etwa 12 Jahre alte David Hirsch hat unmittelbar nach dem Krieg im August 1946  in einer Zeugenbefragung detailliert Auskunft über seine Flucht aus Gurs in die Schweiz gegeben. Er nennt übrigens das Jahr 1937 als Zeitpunkt der Trennung von seinen Eltern. Das beeindruckende Interview ist in der Sammlung „Voices of the Holocaust“ enthalten und kann im Originalton gehört werden. Siehe http://voices.iit.edu/interview?doc=hirschD&display=hirschD_de. (Zugriff: 13.11.2017). David Hirsch fand später noch den Weg zu seinen Eltern in Argentinien. Im Rahmen der Verlegung der Stolpersteine für seine Angehörigen ist er 2009 noch einmal in seine Heimatstadt zurückgekehrt.

[8] Siehe Genealogische Datenbank der Paul-Lazarus-Stiftung Wiesbaden.

[9] HHStAW 519/3 24875 (1).

[10] HHStAW 519/3 24875 (3).