Irma Stern

Auch wenn die Gründe, die Irma Stern bewogen haben, von Bad Schwalbach nach Wiesbaden zu kommen, nicht bekannt sind, so wird man doch davon ausgehen können, dass sie glaubte in der Stadt mehr Sicherheit zu finden als in der Gemeinde des Untertaunus, in der 1933 noch 94, 1937 nur noch die Hälfte und 1939 sogar nur noch vier jüdische Bürger lebten.[1] Besonders das Wüten der Wiesbadener SA-Standarte 80 hatte in der Nacht zum 10. November 1938 die Schwalbacher Juden in Angst und Schrecken versetzt und die Abwanderung weiter forciert. Unmittelbar nach diesen Ereignissen hatten noch einmal 17 Juden Schwalbach verlassen.[2] Irma Stern, die am 1. Juni 1939 nach Wiesbaden übersiedelte, gehörte somit zu den Letzten. Die anderen waren bereits ausgewandert oder in die nahen Städte wie Frankfurt, Wiesbaden oder Mainz verzogen.

Irma Sterns einzig bekannte Adresse hier in Wiesbaden war das Haus in der Adelheidstr. 94, das bald darauf zum Judenhaus erklärt wurde. Zwar kann man zum Zeitpunkt kaum von einer Zwangseinweisung im eigentlichen Sinne reden, aber wer hätte in dieser Zeit einer verarmten, alleinstehenden jüdischen Frau Wohnraum angeboten, wenn nicht ein jüdischer Hauseigentümer. So wird man aber davon ausgehen können, dass das Wohnungsamt, wenn es denn überhaupt eingeschaltet war, sie auf das Haus in der Adelheidstraße verwiesen hatte, in dem  bereits einige andere jüdische Bewohner lebten. Wahrscheinlich hatte sie aber nicht, wie auf der Karteikarte der Gestapo vermerkt, bei Frau Salomon gewohnt, sondern im vierten Stock, da wo die Mansardenzimmer gelegen waren.[3]

Über ihr Leben ist nur wenig aktenkundig geworden. Sie war am 24. Juli 1897 im damaligen Langenschwalbach als Tochter des Pferdehändlers Julius Ackermann und seiner Frau Rosa, geborene Blumenthal, zur Welt gekommen. Ob es neben der Schwester Martha, verheiratete Maier, die als Überlebende 1953 den Antrag auf Feststellung des Todes von Irma stellte, weitere Geschwister gab, ist nicht bekannt. [4]

Am 10. April 1922 heiratete sie in ihrer Heimatgemeinde den Viehhändler und Metzger Ludwig Stern, geb. am 28. April 1887 in Ellar im Kreis Limburg.[5] Auf der Urkunde befindet sich der weitere Eintrag, dass die Ehe am 31. August 1934 wieder rechtskräftig geschieden wurde. Kinder sind aus der Ehe vermutlich nicht hervorgegangen.

Irma Stern muss, als sie nach Wiesbaden kam, in großer Armut gelebt haben. Als am 15. August 1940 auch an sie eine Judensicherungsanordnung erging, man ihr den üblichen Freibetrag von 300 RM gewährte und eine Vermögensaufstellung einforderte, schrieb sie knapp zurück: „Unterzeichnete wird von der jüd. Wohlfahrt unterhalten, da dieselbe ohne jegliches Vermögen ist.[6] Aus diesem Grund verzichtete die Devisenstelle auf die Anlage des Sicherungskontos, behielt sogar eigenartigerweise den relativ hohen Freibetrag bei. Einen Nutzen hatte sie davon freilich nicht.

Der nächste und zugleich letzte Aktenvermerk ist am 19. Juni 1942 nur noch handschriftlich auf der Rückseite des vorherigen Briefes, also nahezu zwei Jahre später getätigt worden: „In Registratur mit Karteikarte vermerken ‚evakuiert’“[7]

Sie gehörte zu denjenigen, die schon am 23. Mai 1942 über Izbica in das Vernichtungslager Sobibor gebracht und dort umgebracht wurde.[8] Weil ein genaues Todesdatum nicht feststellbar war, wurde am 14. November 1953 vom Amtsgericht Wiesbaden der Zeitpunkt ihres Todes auf den 8. Mai 1945 festgelegt.[9]

 

 

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Anmerkungen:

 

[1] Siehe http://www.alemannia-judaica.de/bad_schwalbach_synagoge.htm

[2] Zu den Ereignissen in der Reichspogromnacht in Bad Schwalbach und zu den Abwanderungen siehe. Schüler, Winfried, Juden in Bad Schwalbach, Nassauer Analen Bd. 103, 1992, S. 156 ff.

[3] Mit dem Eintrag „Bei Salomon“ ist vermutlich nur auf die Eigentümerin verwiesen, die selbst im dritten Stock wohnte. Irma Stern hat auf ihrer Vermögenserklärung im August 1940 selbst angegeben, im IV. Stock zu wohnen, siehe HHStAW 519/3 8019 (4).

[4] HHStAW 469-33 3918 (4) Geburtsurkunde.

[5] HHStAW 469-33 3918 (5) Heiratsurkunde.

[6] HHStAW 519/3 8019 (3).

[7] HHStAW 519/3 8019 (5).

[8] Im Zusammenhang mit dem Verfahren zur Todeserklärung von Irma Stern lag dem Amtsgericht ein Schreiben des IST Arolsen vor, nach dem Irma Stern aus Wiesbaden in Auschwitz-Birkenau gewesen sein soll. Hierbei handelt es sich mit Sicherheit um eine Verwechslung, denn eine weitere Irma Stern, die ebenfalls zeitweise in Wiesbaden gewohnt hatte, war 1942 von Frankfurt aus deportiert worden. Es handelt sich hier aber um die am 19.5.1897 in Erdmannrode geborene Irma Stern, geb. Katz. Diese ist tatsächlich in Auschwitz ermordet worden.

[9] HHStAW 469-33 3918 (12).