Helene Strauss und Tochter Irma


Juden Judenhaus Wiesbaden Adelheidstr. 94
Die Adelheidstr. 94 heute
Eigene Aufnahme
Adelheidstr 94, Judenhaus, Wiesbaden
Lage des Hauses
Adelheidstr. 94, Judenhaus Wiesbaden
Belegung des Judenhauses

 

 

 

 

 


Ende Oktober 1941 war fast gleichzeitig mit Florine und Hugo Strauss eine weitere Familie namens Strauss in die Adelheidstraße gekommen, ohne dass aber eine verwandtschaftliche Beziehung zwischen ihnen nachweisbar wäre. Es handelte sich um die Restfamilie von Salomon Strauss, nämlich um seine Witwe Helene und die Tochter Irma.

Helene war die Tochter von Jakob Simon und dessen Frau Klara, geborene Kaufmann, aus Beilstein an der Mosel, wo auch sie selbst am 19. November 1858 geboren worden war.[1] Ihre Nichte Clara, die Tochter ihrer älteren Schwester Gertrude, die mit dem Saarwellinger Pferdehändler Gottfried Weil verheiratet war, lebte vor ihrer Deportation auch in einem Wiesbadener Judenhaus, dem in der Herrngartenstr. 11.

Clara Weil, Oskar Weil, Gottfried Weil, Gertrude Simon Weil, Jakob Weil, Magdalena Lewy, Salomon Strauss, Helene Simon, Irma Strauss, Saarwellingen, Judenhaus Wiesbaden, Adelheidstr. 94
Stammbäume der Familien Strauss – Weil – Simon und Sondheimer
GDB

1890 hatte Helene Simon den Weinhändler Salomon Strauss geheiratet, der am 18. Oktober 1860 in Rheinhessen, in Freilaubersheim, als Kind der Eheleute Michael Strauss und Wilhelmine, geborene Born, zur Welt gekommen war.[2] Am 14. Februar 1895 war ihre Tochter Irma in Wöllstein geboren worden.[3] Das Ehepaar hatte noch ein weiteres Kind, denn in den Steuerakten sind bei der Frage nach der Zahl der lebend geborenen Kinder immer zwei angegeben, leider ohne diese namentlich zu nennen, sodass bisher nicht bekannt ist, wer das zweite Kind war.[4] Wahrscheinlich ist es noch im Kleinkindalter verstorben.

Salomon Strauss muss noch mindestens zwei, vermutlich drei weitere Brüder gehabt haben. Zum einen Karl Strauss, der ebenfalls Weinhändler geworden war und seinen Firmensitz in Frankfurt hatte.[5] Er war verheiratet mit Eugenie Sauerbach. Ihnen war am 26. Juli 1885 in Frankfurt die Tochter Selma geboren worden, die später nach dem Krieg den Antrag auf eine amtliche Todeserklärung für ihre Cousine Irma Strauss stellte. Selma heiratete am 9. Juli 1906 in die Mainzer Weinhändlerfamilie Sondheimer ein. Robert Sondheimer, geboren am 6. Februar 1880 in Mainz, war der Sohn von Löb und Mathilde Sondheimer. Er lebte damals in Wiesbaden. Die jeweiligen Eltern des Brautpaars waren vermutlich selbst miteinander verwandt, denn Selmas Mutter und Roberts Mutter waren beide geborene Sauerbachs.[6] Als Trauzeuge bei der Hochzeit war auch ein Ferdinand Strauss zugegen, der 53 Jahre alt noch in Freilaubersheim wohnte, dem Geburtsort von Salomon Strauss. Die Vermutung liegt nahe, dass es sich hier auch um einen Bruder von dem etwa fünf Jahre jüngeren Karl und dem etwa sieben Jahre jüngeren Salomon handelte. Ein weiterer Bruder namens Ludovic, dem rechtzeitig die Flucht nach Frankreich gelungen war, unterstützte von dort aus, so lange es irgend ging, Salomon Strauss und dessen Familie in Wiesbaden.[7]

Und diese war auf die Hilfe dringend angewiesen, denn schon während und nach der Inflation war die Weinhandlung von Salomon Strauss in erhebliche finanzielle Schwierigkeiten geraten, wie aus einem Brief vom 15. Juli 1924 an das Finanzamt hervorgeht:
Die heutigen allgemein schwierigen Geldverhältnisse, die dem Finanzamt auch sicher bekannt sind, machen es Jedermann zur Pflicht, nur die allernotwendigsten Einkäufe zu machen. Und gerade unter diesem Umstande hat das Weingeschäft ganz enorm zu leiden. Obwohl die Preise mit Rücksicht auf die schlechte Geldflüssigkeit gerade für Wein ganz ausserordentlich gesunken sind, ist es heute ein Ding der Unmöglichkeit ein Stück Wein zu einem Preise, der auch nur als kaum annehmbar zu bezeichnen ist, zu verkaufen. Und der Charakter gerade meines Geschäfts lässt einen anderen Verkauf als den Stückweisen (sic!) Verkauf nicht zu.“ Er betreibe diesen Handel mit einfachen rheinhessischen Konsumweinen – Spitzenweine habe er nicht im Angebot – schon „fast ein halbes Menschenalter“. [8] Den ursprünglich in Wöllstadt in Rheinhessen angesiedelte Betrieb hatte Salomon Strauss bald nach dem Ersten Weltkriegs nach Wiesbaden verlegt. Sein Haus in der Albrechtstr. 17 muss er während der Nachkriegsinflation gekauft haben, denn er erscheint erstmals im Wiesbadener Adressbuch von 1921 als Besitzes der Immobile. Allerdings war die Familie damals noch in Wöllstein wohnhaft, erst am 28. März 1923war sie dann selbst auf die andere Rheinseite in ihr neu erworbenes Hauseigentum gezogen. Die Weinhandlung selbst war aber zunächst dort in der Oranienstr. 56 untergebracht.[9]

Sein Betriebsvermögen belief sich Mitte der zwanziger Jahre auf etwas mehr als 2.000 RM, bestehend aus einer Weinpumpe und einigen wenigen Fässern und Flaschen. Mitten in der Weltwirtschaftskrise, im Dezember 1931, wandte er sich erneut mit der Bitte um Stundung der fälligen Steuern an die Finanzbehörde. Er und seine Frau seien seit längerem krank und hätten allein dadurch erhebliche Auslagen. Sein Weingeschäft liege „völlig brach“ und sein Haus werfe „eine nennenswerte Rente nicht ab“. Diese Haus in der Albrechtstr. 17, in der die Familie in dieser Zeit noch selbst im ersten Stock wohnte, bestehe nur aus großen Wohnungen und die würden in diesen Krisenzeiten von den Mietern aus Kostengründen immer wieder gekündigt.[10]

Die Situation verbesserte sich in den Folgejahren nicht, was auch nicht zu erwarten war. Im Sommer 1929, noch bevor die Weltwirtschaftskrise auch in Deutschland ihre volle Wirkung entfaltete, bat er erneut das Finanzamt Wiesbaden, ihm die auferlegte Vermögenssteuer zu erlassen: „Mein Einkommen aus Gewerbe und Grundbesitz ist so klein, dass ich im Jahre 1928 Einkommensteuerfrei (sic !) war. Ich habe fast mein ganzes Vermögen in der Inflation verloren und kann infolgedessen mein Geschäft nicht mehr betreiben wie früher.“[11] Dies ist nur ein weiteres Beispiel für die vielen Bittbriefe, die die finanzielle Not der Familie in den zwanziger wie auch den dreißiger Jahren dokumentieren. Selbstverständlich bedeuteten die Jahre der NS-Diktatur nur eine weitere Verschärfung der Situation. Am 31. Juli 1934 gab Salomon Strauss seinen Weinhandel endgültig auf und meldete ihn beim Finanzamt ab.[12]

Clara Weil, Oskar Weil, Gottfried Weil, Gertrude Simon Weil, Jakob Weil, Magdalena Lewy, Salomon Strauss, Helene Simon, Irma Strauss, Saarwellingen, Judenhaus Wiesbaden, Adelheidstr. 94
Geschäftsaufgabe 1934
HHStAW 685 811
Salomon Strauss, Irma Strauss, Helene Strauss, Ludovic Strauss, Judenhaus Adelheidstr. 94, Wiesbaden
Brief von Irma Strauss an das Finanzamt Wiesbaden
HHStAW 685 795 (7)

In einer Anlage zur Einkommensteuer 1938 beschrieb Irma Strauss, die selbst keine Arbeit und hauptsächlich die Pflege der erkrankten Mutter übernommen hatte, knapp die finanzielle Lage der Familie: Der Betrag, den der Onkel aus Frankreich ihnen zukommen lasse, sei nicht als ihr Einkommen anzusehen, er werde nur an ihre Adresse gesandt, „weil mein Vater im 79sten Jahre ist und nicht mehr geschäftsfähig. Er [der Geldbetrag – K.F.] dient zur Unterstützung für unsere Familie, da durch anhaltende Krankheit die Mittel nicht mehr ausreichen. Von den mir zugesandten Beträgen muss ich vornehmlich Krankenkasse, Ärzte, Apotheke und Diäten bezahlen, worüber ich Belege vorlegen kann.“[13]

Salomon Strauss, Irma Strauss, Helene Strauss, Ludovic Strauss, Judenhaus Adelheidstr. 94, Wiesbaden
Brief von Irma Strauss an das Finanzamt Wiesbaden
HHStAW 685 795 (9a)

Neben dem Geld des Onkels erhielt die Familie Strauss zeitweise monatlich noch 75 RM vom Auswanderersperrkonto eines Fräuleins Aenne May, die früher in Worms gelebt hatte, dann aber nach Montevideo emigriert war.[14] Mit dem Geld des Onkel verfügte die Familie im Jahr 1939 insgesamt über eine Summe von 1.350 RM, 450 RM von Aenna May und 900 RM von Ludovic Strauss.[15] Das sind etwas mehr als 100 RM pro Monat für einen dreiköpfigen Haushalt, darunter zwei alte und kranke Menschen. Das Finanzamt wertet diese Zuwendungen als Einkünfte und forderte eine vierteljährige Steuervorauszahlung von 6 RM. Von 1938 bis zur Deportation bestritt Irma mit dem Finanzamt diesen Kampf um die Einkommensteuern, ohne Erfolg. Trotz aller Bitten wurde die Vorauszahlung im Laufe des Jahres 1939 sogar auf 20 RM erhöht, obwohl das Geld aus Paris und aus dem Auswanderungskonto von Aenne May mit dem Beginn des Weltkriegs ausgeblieben war.[16]

Vor dem Hintergrund der ständigen finanziellen Engpässe hatte sich die Familie Strauss offenbar im Laufe des Jahres 1938 entschieden, ihr Haus in der Albrechtstraße zu veräußern, zumal es mehr Kosten als Erträge abwarf. Nach der Reichspogromnacht und den damit verbundenen Forderungen des NS-Staates an die Juden, wäre ihr ohnehin kaum eine andere Wahl geblieben. Am 31. Januar 1939 genehmigte der Regierungspräsident Wiesbaden den bereits im Juli zustande gekommenen Kaufvertrag mit einem Regierungsrat Franz Rückert aus Neiße, der zu dieser Zeit bereits im Haus wohnte. Der Einheitswert war vom Regierungspräsident im Juli 1938 auf 37.100 RM festgesetzt worden.[17] Der vereinbarte Kaufpreis belief sich dann erstaunlicherweise immerhin auf 45.000 RM. Nach Übernahme der auf dem Hausgrundstück lastenden Hypotheken sollte die Restkaufsumme von 14.100 RM Salomon Strauss ausgezahlt werden.[18]

Clara Weil, Oskar Weil, Gottfried Weil, Gertrude Simon Weil, Jakob Weil, Magdalena Lewy, Salomon Strauss, Helene Simon, Irma Strauss, Saarwellingen, Judenhaus Wiesbaden, Adelheidstr. 941
Erste Berechnung der ‚Judenvermögensabgabe‘ für Salomon Strauss
HHStAW 685 811

Dieses Geld wurde jetzt dringend zur Zahlung der Judenvermögensabgabe benötigt. In einer ersten Berechnung hatte man diese bei einem Gesamtvermögen von ca. 27.000 RM – Hausgrundstück, Außenstände u. a. – auf 5.400 RM angesetzt. Nach Einspruch von Salomon Strauss wegen Einbeziehung nicht mehr einzutreibender Außenstände wurde die Summe im März 1939 auf 3.800 RM, zahlbar in vier Raten á 950 RM, herabgesetzt.[19]. Die Auseinandersetzung mit dem Finanzamt über die Höhe der Judenvermögensabgabe war der letzte Kampf, den Salomon Strauss führte. Er verstarb am 16. Juli 1939 in Wiesbaden.[20] Da auch Helene Strauss krankheitsbedingt kaum in der Lage war, die folgenden Auseinandersetzungen um den Verkauf des Hauses zu führen, fiel diese Aufgabe weitgehend der Tochter Irma zu, die all die Jahre zusammen mit ihren Eltern gewohnt hatte und mit diesen auch in die Langgasse 10 gezogen war, als der Verkauf des Hauses beschlossen war.[21] Die Mutter hatte ihr für alle behördlichen Vorgänge Generalvollmacht erteilt.[22]

Der Hausverkauf vollzog sich nicht so unproblematisch, wie es zunächst schien. Zum einen wollte der Käufer Rückert den vereinbarten Preis nicht zahlen und minderte diesen um 3.000 RM, sodass Helene Strauss das Finanzamt Wiesbaden bitten musste, zunächst den Betrag für die vierte Rate der Judenvermögensabgabe auf Rückerts Konto zu sichern.[23] Statt diesem Wunsch nachzukommen, wurde der Betrag von nun 984,70 RM – inzwischen war ein Säumniszuschlag auferlegt worden – am 2. September 1939 vom Finanzamt gepfändet.[24]

Clara Weil, Oskar Weil, Gottfried Weil, Gertrude Simon Weil, Jakob Weil, Magdalena Lewy, Salomon Strauss, Helene Simon, Irma Strauss, Saarwellingen, Judenhaus Wiesbaden, Adelheidstr. 94
Der zunächst gescheiterte Hausverkauf
HHStAW 685 811

Bevor diese Angelegenheit geklärt werden konnte, versagte am 13. Februar 1940 der Reichswirtschaftsminister dem Kaufvertrag seine Zustimmung, obwohl dieser zuvor im Januar 1939 vom Regierungspräsidenten genehmigt worden war.[25] Gründe dafür wurden nicht genannt. Aber es scheint so, als habe man sich in Berlin Sorgen gemacht, der Verkauf an einen Beamten könne als Protegierung angesehen werden. Mit dem Widerspruch fiel das Haus aber keineswegs wieder zurück an den ursprünglichen Eigentümer, die Familie Strauss, es wurde vielmehr von einem eingesetzten Treuhänder verwaltet, der es anderweitig zu verkaufen gedachte. Weder gelangten die Mieteinnahmen in die Hand der ehemaligen Besitzer, noch konnten sie über die zurückgehaltenen 3.000 RM verfügen, die sie unbedingt benötigten, um einerseits jetzt die zusätzliche fünfte Rate der Judenvermögensabgabe zu begleichen und andererseits um ihren Lebensunterhalt einigermaßen zu finanzieren. Alle Versuche, angesichts der Lage das Finanzamt zum Verzicht auf die fünfte Rate zu bewegen, scheiterten zunächst. Auch war erneut die Pfändung des Betrags angeordnet, aber dann wieder ausgesetzt worden, weil unklar war, wer der tatsächliche Eigentümer des Hauses war, das nach der ersten Genehmigung schon auf den neuen Käufer im Grundbuch eingetragen worden war.[26]

Im August 1940 wurde das Haus dann letztlich doch verkauft und zwar an die Schwester des ursprünglichen Käufers, die zudem – welch ein Zufall – die Ehefrau des bestellten Treuhänders für das Haus war. Da sie verstarb bevor die behördliche Genehmigung für diesen Verkauf erteilt worden war, ging das Haus letztlich an deren Erben, die wiederum die Kinder des ersten Käufers Rückert waren. Unter Wahrung des äußeren Scheins gelang es somit doch, die eigene Klientel zu bedienen und der nun vereinbarte Kaufpreis lag mit 43.000 RM zudem um 2.000 RM unter dem vorherigen.[27] In einer detaillierten Aufstellung legte Irma Strauss gegenüber den Finanzbehörden dar, dass sie und ihre Mutter trotz des Verkaufs ohne Vermögen seien und bat erneut darum, von der 5. Rate der Judenvermögensabgabe befreit zu werden. [28] Und – man könnte mit einigem Zynismus sagen – des NS-Staat zeigte Herz: Er erstattet Helene Strauss 1941 tatsächlich die bereits gepfändete Rate der Sondersteuer, möglicherweise wegen des niedrigeren Erlöses, tatsächlich zurück. In jedem Fall ein eher ungewöhnlicher Vorgang.[29]

Am 30. Oktober 1941 bezogen Irma Strauss und ihre Mutter Helene dann im dritten Stock des Judenhauses Adelheidstr. 94 eine Wohnung, bzw. vermutlich auch hier nur ein Zimmer. In dieser Etage hatte auch die im Januar verstorbene Hausbesitzerin Amalie Salomon gewohnt, sodass sie vielleicht in eines dieser frei gewordenen Zimmer einquartiert worden waren. Wovon die beiden in dieser Zeit lebten, ist völlig unklar. Für das Jahr 1940 konnten sie dem Finanzamt gegenüber kein Einkommen mehr angeben. Für das Jahr 1941 meldeten Irma Strauss im März 1942 ohne Angabe darüber, woher das Geld kam, noch einmal 400 RM an Einkommen an. Möglicherweise handelte es sich noch um Restzahlungen aus dem Hausverkauf. In einem Schreiben an die Devisenstelle bat Helene Strauss am 24. Dezember 1941 diese, ihr die Auflösung des gesicherten Kontos bei der Nassauischen Landesbank zu gestatten: „Auf diesem Konto habe ich ein Guthaben von RM 6,35, das zum Teil noch von Bankspesen aufgezehrt werden dürfte. Ich habe kein Vermögen mehr u. habe auch in absehbarer Zeit kein solches zu erwarten.“[30] Tatsächlich wurde die Verpflichtung aufgehoben. Es gab für die Finanzbehörden hier nichts mehr zu holen, der Finanztod der Familie Strauss war längst eingetreten. Der physische Tod war nur noch eine Frage der Zeit, einer kurzen Zeit.

Irma Strauss gehörte zur Gruppe der jüdischen Bürger, die am 10. Juni 1942 mit dem Transport über Frankfurt und Lublin in das Vernichtungslager Sobibor verbracht und ermordet wurde. Ihre Mutter blieb noch einige Wochen allein in dem Judenhaus in der Adelheidstraße zurück, vermutlich ahnend, was mit ihrer Tochter geschehen war und was mit ihr noch geschehen sollte. Als sie dann auch eine Aufforderung erhielt, sich für die „Evakuierung“ am 1. September bereitzuhalten, beschloss sie am 21. August diesem Leben selbst ein Ende zu setzen. Sie habe „mit einem unbekannten Gift“ Selbstmord begangen, meldete die Polizeibehörde dem Wiesbadener Standesamt.[31] Am 23. August wurde sie auf dem Jüdischen Friedhof an der Platter Straße begraben.

Obwohl absolut kein Vermögen mehr vorhanden war,[32] verfügte die Gestapo gemäß der bürokratischen Routine in einem Brief an das Finanzamt Wiesbaden:
Betrifft: Beschlagnahme des Vermögens derjenigen Juden, die nach Bekanntwerden ihrer für den 1.9.1942 vorgesehenen Evakuierung verstorben sind.
Auf Grund des §1 der VO des Herrn Reichspräsidenten zum Schutze von Volk und Staat vom 28.2.1933 beschlagnahme ich hiermit mit Wirkung vom 1.8.1942 die gesamten inländischen Vermögenswerte folgender Juden, die nach Eröffnung der Evakuierungsvfg. verstorben sind:
Strauss, geb. Simon, Helene Sara geb. 19.11.58 in Beilstein, zuletzt in Wiesbaden Adelheidstr. 94 wohnhaft, verstorben am 20.8.1942.[33]

 

Veröffentlicht: 12. 11. 2017

Letzte Änderungen: 23. 09.2020

 

 

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Anmerkungen:

[1] Geburtsregister Beilstein / Mosel 4/1895. Siehe zur Familie Simon ausführlich im Kapitel über das Schicksal ihrer Schwester Gertrude Weil und ihrer Nichte Clara.

[2] Sterberegister Wiesbaden 1299 / 1939, darin ist auch das Jahr der Eheschließung angegeben.

[3] HHStAW 469-33 3652 (9) Geburtsurkunde.

[4] Siehe z. B. die Steuererklärungen von 1935, 1936, 1937, HHStAW 685 811b Einkommensteuer (1, 8, 13).

[5] HHStAW 469/33 3652 (8).

[6] Siehe dazu den Heiratsregistereintrag 223 / 1906 des Standesamts Frankfurt. Das Paar lebte nach der Heirat in Wiesbaden, wo auch ihre zwei Kinder geboren wurden. Am 18.9.1909 kam Liane in Biebrich, am 15.3.1912 Josef zur Welt. Wie einer Beischreibung des Eintrags zu entnehmen ist, wurde die Ehe am 6.7.1927 wieder geschieden. Weiterhin ist dort angemerkt, dass Robert Sondheimer am 7.12.1956 in Hannover verstarb.

[7] HHStAW 519/3 7792 (8). In einem Brief vom 27.2.1939 an das Finanzamt Wiesbaden schreibt Irma nur, dass sie von ihrem Onkel mit Wohnsitz Paris monatlich 200 RM von dessen Konto bei der Dresdner Bank in Frankfurt, erhält, siehe HHStAW 685 795b (7). Nach dem Überfall auf Frankreich fielen diese Zahlungen aus, was Irma in einem weiteren Brief dem Finanzamt mitteilte. Das Bankkonto in Frankfurt legt Nahe, dass auch Ludovic zuvor in Frankfurt gewohnt hatte. Karl Strauss, der auch mit seiner Familie ebenfalls in Frankfurt gemeldet war, verstarb dort am 22.8.1925, siehe Sterberegister Frankfurt 805 / 1925.

[8] HHStAW 685 811 Besitzsteuer (46). Stückweiser Verkauf ist nicht, wie man meinen könnte, flaschenweiser Verkauf, sondern Großhandel. Zu seinen Kunden zählten weder Privatpersonen, noch das gastronomische Gewerbe, sondern nur weitere Weinhändler.

[9] HHStAW 685 811 Besitzsteuer (43).

[10] HHStAW 685 811 Besitzsteuer (111). Der Wert des Mietgrundstücks war zunächst vom Finanzamt auf 50.000 angesetzt, von Salomon Strauss dagegen mit 31.900 RM angegeben worden, wurde dann vom Finanzamt wieder auf  auf 37.100 RM angehoben, siehe HHStAW 685 811 Vermögensteuer (1).

[11] HHStAW 685 811 Besitzsteuer (96).

[12] HHStAW 685 811 Reichseinkommensteuer (140).

[13] HHStAW 685 795 (7), HHStAW 685 811 Besitzsteuer (60). Irma Strauss war am 4.5.1940 von der Führung eines gesicherten Kontos entpflichtet worden, weil sie selbst weder Vermögen noch Einkommen hatte.

[14] HHStAW 685 795 (1, 11). Welche verwandtschaftlichen oder freundschaftlichen Verbindungen zur Familie Strauss bestanden, konnte nicht geklärt werden.

[15] Ebd. (11).

[16] HHStAW 685 795 (9a).

[17] HHStAW 685 811 Vermögensteuer (4).

[18] Ebd. (26) Das Geld sollte selbstverständlich auf ein gesichertes Konto fließen. Zuzüglich zum Kaufpreis hatte der Käufer eine „Auflage“, sprich Ausgleichsabgabe, von 1.000 RM zu Gunsten des Deutschen Reiches zu zahlen, ebd. (12).

[19] HHStAW 685 811 Vermögensteuer (5, 11). Zu dem nicht mehr realisierbaren Vermögen gehörte auch eine Darlehensschuld von etwa 3.500, die sein Neffe Oskar Weil, Miteigentümer des Berliner Bankhauses ‚Kahn, Weil & Cie’, bei ihm hatte. Oskar Weil war der Sohn von Gottfried Weil und dessen Frau Gertrude, der Schwester von Salomons Frau Helene, geborene Simon. Durch eine nicht mehr nachzuvollziehende Finanztransaktion, in die sowohl der Neffe privat wie auch das Bankhaus involviert waren, hatte sich Oskar Weil in einem Ende der zwanziger Jahre erst nach zähen Verhandlungen zustande gekommenen Vergleich bereit erklärt, einem Aufwertungsanspruch für in der Bank hinterlegte Wertpapiere zuzustimmen. Der größte Teil der Zahlung, fast 40.000 RM, war inzwischen von dem Neffen geleistet worden und hatte sicher in all den Jahren zum Lebensunterhalt der Familie beigetragen. Siehe dazu HHStAW 685 811 Vermögensteuer (4 f., 32). Oskar Weil war im April 1939 nach England emigriert, sodass dieser Restbetrag als verloren angesehen werden musste. Siehe dazu auch ebd. (40, 44).

[20] Zur Begleichung der Beerdigungskosten musste die Tochter bei der Devisenstelle um die Freigabe zusätzliche finanzieller Mittel in Höhe von 800 RM bitten, siehe HHStAW 519/3 7792 (3).

[21] Helen Strauss erwähnte später in einem Brief an das Finanzamt, dass sie dort mit ihrer Tochterr gemeinsam ein Zimmer bewohnen würden, 685 811 Vermögensteuer (49). Vermutlich war das aber nicht von Beginn an so, sondern erst nach dem Tod von Samuel Strauss hatte man ein oder mehrere Zimmer der Wohnung untervermietet.

[22] HHStAW 685 811 a (13). Als Rechtsbeistand hatte sie den für Wiesbaden zuständigen „Konsulenten“ Berthold Guthmann hinzugezogen, siehe ebd. (32). Die Schreiben, sofern nicht maschinenschriftlich, sind alle mit der Hand der Tochter geschrieben, manche aber von der Mutter unterzeichnet.

[23] HHStAW 685 811 Vermögensteuer (33).

[24] Ebd. (37).

[25] HHStAW 685 811 Vermögensteuer (5, 46).

[26] Ebd. (48).

[27] HHStAW 685 811 Vermögensteuer (15), zunächst war beabsichtigt das Haus statt an Rückert, an dessen drei minderjährige Kinder zu verkaufen. Der Regierungspräsident hatte dazu bereits seine Zustimmung erteilt, siehe ebd. (43).

[28] Ebd. (49 f.), dazu HHStAW 519/3 7900 (7).

[29] HHStAW 685 811 Vermögensteuer (37).

[30] HHStAW 519/3 7900 (13, 14). Hervorhebung im Original.

[31] Sterberegister Wiesbaden 1778 / 1942..

[32] Das Finanzamt Wiesbaden hatte am 23.3.1942 verfügt, dass Frau Helene Strauss mit Wirkung vom 1.1.1941 aus der  Einkommensteuerliste zu streichen sei, weil kein steuerpflichtiges Einkommen mehr vorläge. HHStAW 685 811 (o.P.).

[33] HHStAW 519/2 1381.