Helene Strauss und Tochter Irma

Ende Oktober 1941 war fast gleichzeitig mit Florine und Hugo Strauss eine weitere Familie namens Strauss in die Adelheidstraße gekommen, ohne dass aber eine verwandtschaftliche Beziehung zwischen ihnen nachweisbar wäre. Es handelte sich um die Restfamilie von Salomon Strauss, nämlich um seine Witwe Helene und die Tochter Irma.

Salomon Strauss Helene Irma Adelheidstr. 94 Judenhaus Wiesbaden
Stammbaum der Familie Straus (GDB – PLS)

Helene war die Tochter von Jakob Simon und dessen Frau Klare, geb. Kaufmann, aus Beilstein an der Mosel, wo auch sie selbst am 19. November 1858 geboren worden war. Im August 1890 hatte sie den Weinhändler Salomon Strauss geheiratet, der am 18. Oktober 1860 in Rheinhessen, in Freilaubersheim, als Kind der Eheleute Michael Strauss und Wilhelmine, geb. Born, zur Welt gekommen war. Am 14. Februar 1895 war ihre Tochter Irma in Wöllstein geboren worden.[1] Das Ehepaar muss aber noch ein weiteres Kind gehabt habe, denn in den Steuerakten sind bei der Frage nach der Zahl der Kinder immer zwei angegeben, leider ohne diese namentlich zu nennen, sodass bisher nicht bekannt ist, wer das zweite Kind war.[2]

Salomon Strauss muss vermutlich noch mindestens zwei weitere Brüder gehabt haben. Zum einen Karl Strauss, der ebenfalls Weinhändler geworden war und seinen Firmensitz in Frankfurt hatte.[3] Ein vermutlich anderer Bruder namens Ludovic, dem rechtzeitig die Flucht nach Frankreich gelungen war, unterstützte von dort aus, so lange es irgend ging, seinen Bruder Salomon und dessen Familie hier in Wiesbaden.[4]

Und diese waren auf die Hilfe dringend angewiesen, denn schon während und nach der Inflation war die Firma von Salomon Strauss in erhebliche finanzielle Schwierigkeiten geraten, wie aus einem Brief vom 15. Juli 1924 an das Finanzamt hervorgeht:
Die heutigen allgemein schwierigen Geldverhältnisse, die dem Finanzamt auch sicher bekannt sind, machen es Jedermann zur Pflicht, nur die allernotwendigsten Einkäufe zu machen. Und gerade unter diesem Umstande hat das Weingeschäft ganz enorm zu leiden. Obwohl die Preise mit Rücksicht auf die schlechte Geldflüssigkeit gerade für Wein ganz ausserordentlich gesunken sind, ist es heute ein Ding der Unmöglichkeit ein Stück Wein zu einem Preise, der auch nur als kaum annehmbar zu bezeichnen ist, zu verkaufen. Und der Charakter gerade meines Geschäfts lässt einen anderen Verkauf als den Stückweisen Verkauf nicht zu.“[5]

Sein Vermögen belief sich Mitte der zwanziger Jahre auf etwas mehr als 2.000 RM, bestehend aus einer Weinpumpe und einigen wenigen Fässern und Flaschen. Mitten in der Weltwirtschaftskrise, im Dezember 1931, wandte er sich erneut mit der Bitte um Stundung der fälligen Steuern an die Finanzbehörde. Er und seine Frau seien seit längerem krank und hätten allein dadurch erhebliche Auslagen. Sein Weingeschäft liege „völlig brach“ und sein Haus werfe „eine nennenswerte Rente nicht ab“. Diese Haus in der Albrechtstr. 17, in der die Familie in dieser Zeit noch selbst wohnte, bestehe nur aus großen Wohnungen und die würden in diesen Krisenzeiten von den Mietern immer wieder gekündigt.[6]

Die Situation verbesserte sich in den Folgejahren nicht, was auch nicht zu erwarten war. In einer Anlage zur Einkommenstuer 1938 beschreibt Irma knapp die finanzielle Lage der Familie: Der Betrag, den der Onkel aus Frankreich ihnen zukommen lasse, werde an ihre Adresse gesandt, „weil mein Vater im 79sten Jahre ist und nicht mehr geschäftsfähig. Er [der Geldbetrag, K.F.] dient zur Unterstützung für unsere Familie, da durch anhaltende Krankheit die Mittel nicht mehr ausreichen. Von den mir zugesandten Beträgen muss ich vornehmlich Krankenkasse, Ärzte, Apotheke und Diäten bezahlen, worüber ich Belege vorlegen kann.“[7]

Das Finanzamt hatte diese Zuwendungen als Einkünfte bewertet und eine vierteljährige Steuervorauszahlung von 6 RM gefordert. Die Summe ergab sich daraus, dass eine weiter Person, ein Frl. Aenne May aus Worms, jetzt im südamerikanischen Exil in Montevideo, von ihrem Auswanderersperrkonto ebenfalls monatlich 75 RM bereitstellte.[8]

Von 1938 bis zur Deportation bestritt Irma mit dem Finanzamt diesen Kampf um die Einkommensteuern, ohne Erfolg. 1939 wurde trotz aller Bitten die Vorauszahlung sogar auf 20 RM erhöht, obwohl das Geld aus Paris ausgeblieben war.[9] Im Jahr 1939 hatten sie von insgesamt 1.350 RM gelebt, 450 RM von Aenna May und 900 RM von Ludovic Strauss.[10]

Ursprünglich hatte die Familie in der Albrechtstr. 17 gewohnt und auch das Geschäft von hier aus geführt. Vor dem Hintergrund der ständigen finanziellen Engpässe hatte sich die Familie offenbar im Laufe des Jahres 1938 entschieden dieses Haus in der Albrechtstraße zu veräußern. Nach der Reichspogromnacht und den damit verbundenen Forderungen des NS-Staates an die Juden, wäre ihr ohnehin kaum eine andere Wahl geblieben. Am 31. Januar 1939 genehmigte der Regierungspräsident Wiesbaden den bereits im Juli zustande gekommenen Kaufvertrag mit einem Regierungsrat Franz Rückert, der zu dieser Zeit bereits im Haus wohnte. Der Einheitswert war vom Regierungspräsident auf 37.100 RM festgesetzt worden. Der vereinbarte Kaufpreis belief sich immerhin auf 45.000 RM. Nach Übernahme der auf dem Hausgrundstück lastenden Hypotheken sollte die Restkaufsumme von 14.100 RM Salomon Strauss ausgezahlt werden.[11]

Dieses Geld wurde jetzt dringend zur Zahlung der Judenvermögensabgabe benötigt. In einer ersten Berechnung hatte man diese bei einem Gesamtvermögen von ca. 27.000 RM – Hausgrundstück, Außenstände u. a. – auf 5.400 RM angesetzt. Nach Einspruch von Salomon Strauss wegen Einbeziehung nicht mehr einzutreibender Außenstände wurde die Summe im März 1939 auf 3.800 RM, zahlbar in vier Raten á 950 RM, herabgesetzt.[12]

Der Hausverkauf vollzog sich aber nicht so unproblematisch, wie es zunächst erschien. Zum einen wollte der Käufer Rückert den vereinbarten Preis nicht zahlen und minderte diesen um 3.000 RM, sodass Helene Strauss das Finanzamt Wiesbaden bitten musste, den Betrag für die vierte Rate der Judenvermögensabgabe auf Rückerts Konto zu sichern.[13]

Bevor diese Angelegenheit geklärt werden konnte, versagte am 13. Februar 1940 der Reichswirtschaftsminister dem Kaufvertrag seine Zustimmung.[14] Gründe dafür wurden nicht genannt. Aber es scheint so, als habe man sich in Berlin Sorgen gemacht, der Verkauf an einen Beamten könne als Protegierung angesehen werden. Mit dem Widerspruch fiel das Haus aber keineswegs wieder an den ursprünglichen Eigentümer, es wurde vielmehr von einem eingesetzten Treuhänder verwaltet, der es anderweitig zu verkaufen gedachte. Weder gelangten die Mieteinnahmen noch in die Hand der ehemaligen Eigentümer, noch konnten sie über die zurückgehaltenen 3.000 RM verfügen, die sie unbedingt benötigten um einerseits die zusätzliche fünfte Rate der Judenvermögensabgabe zu begleichen und andererseits um ihren Lebensunterhalt einigermaßen zu finanzieren. Alle Versuche, angesichts der Lage das Finanzamt zum Verzicht auf die fünfte Rate zu bewegen, scheiterten zunächst.

Im Mai 1940 wurde das Haus dann doch verkauft und zwar an eine Witwe Maria Gürten, geb. Rückert, wenn nicht die Schwester, dann wohl doch eine sehr nahe Verwandte des ursprünglichen Käufers, die, wie der Regierungsrat selbst, auch bereits in dem Haus wohnte. Unter Wahrung des äußeren Scheins gelang es somit doch, die eigene Klientel zu bedienen und der nun vereinbarte Kaufpreis lag mit 43.000 RM zudem um 2.000 RM unter dem vorherigen.[15] Und – man könnte mit einigem Zynismus sagen – des NS-Staat zeigte Herz: Er erstattet Helene Strauss 1941 tatsächlich die fünfte Rate der Judenvermögensabgabe, möglicherweise wegen des niedrigeren Erlöses, tatsächlich zurück. In jedem Fall ein eher ungewöhnlicher Vorgang.[16]

Nach dem ersten Verkauf des Hauses waren Salomon Strauss mit Frau und Kind im April 1939 aus ihrem Haus in der Bertramstraße ausgezogen und hatten stattdessen eine Wohnung in der Langgasse 10 gefunden. Hier verstarb Salomon Strauss am 16. Juli 1939 und die inzwischen über 80jährige Mutter blieb mit Irma zunächst alleine hier wohnen.

Am 30. Oktober 1941 bezogen sie dann im dritten Stock des Judenhauses Adelheidstr. eine Wohnung. In dieser Etage hatte auch die im Januar verstorbene Hausbesitzerin Amalie Salomon gewohnt, sodass sie vielleicht in diese frei gewordenen Zimmer einquartiert worden waren. Wovon die beiden in dieser Zeit gelebt haben, ist völlig unklar. Für das Jahr 1940 konnten sie dem Finanzamt gegenüber kein Einkommen mehr angeben. Das Konto von Aenne May war inzwischen aufgelöst und von Ludovic, über dessen weiteres Schicksal nach dem Einmarsch der deutschen Truppen in Frankreich nichts bekannt ist, wird angesichts der Umstände auch nichts mehr nach Deutschland durchgekommen sein. Für das Jahr 1941 melden Irma Strauss im März 1942 ohne Angabe darüber, woher das Geld kam, noch einmal 400 RM an Einkommen an. Als dann bald darauf die Deportationen aus Wiesbaden begannen, war die Aussichtslosigkeit der Lage unübersehbar.

Nachdem Irma am 10 Juni ihren Weg in das Todeslager Sobibor antreten musste, blieb die Mutter nun ganz alleine zurück. Als sie dann auch eine Aufforderung erhielt, sich zur „Evakuierung“ am 1. September bereitzuhalten, beschloss sie am 21. August diesem Leben selbst ein Ende zu setzen. Obwohl hier absolut nichts zu holen war,[17] verfügte die Gestapo gemäß der bürokratischen Routine in einem Brief an das Finanzamt Wiesbaden:

Betrifft: Beschlagnahme des Vermögens derjenigen Juden, die nach Bekanntwerden ihrer für den 1.9.1942 vorgesehenen Evakuierung verstorben sind.
Auf Grund des §1 der VO des Herrn Reichspräsidenten zum Schutze von Volk und Staat vom 28.2.1933 beschlagnahme ich hiermit mit Wirkung vom 1.8.1942 die gesamten inländischen Vermögenswerte folgender Juden, die nach Eröffnung der Evakuierungsvfg. verstorben sind:
Strauss, geb. Simon, Helene Sara geb. 19.11.58 in Beilstein, zuletzt in Wiesbaden Adelheidstr. 94 wohnhaft, verstorben am 20.8.1942.[18]

 

 

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Anmerkungen:

 

[1] HHStAW 469-33 3652 (9) Geburtsurkunde.

[2] Siehe z. B. die Steuererklärung von 1935, 1936, 1937, HHStAW 685 811b Bd. 2 (1, 8, 13).

[3]Dieser hatte mit seiner Frau Eugenia, geb. Sauerbach, eine Tochter namens Selma, die später den Antrag auf Todeserklärung für Irma Strauss beim Amtsgericht Wiesbaden einreichte, siehe HHStAW 469-33 3652 (8).

[4] In einem Brief vom 27.2.39 an das Finanzamt Wiesbaden schreibt Irma nur, dass sie von ihrem Onkel mit Wohnsitz Paris monatlich 200 RM von dessen Konto bei der Dresdner Bank in Frankfurt, erhält, siehe HHStAW 685 795 (7). Nach dem Überfall auf Frankreich fielen diese Zahlungen aus, was Irma in einem weiteren Brief dem Finanzamt mitteilte. Darin nennt sie den Namen Ludovic Strauss, Paris. Es ist zu vermuten, aber nicht sicher zu belegen, dass es sich hierbei um die gleiche Person handelt. Das Bankkonto in Frankfurt legt aber Nahe, dass auch Ludovic zuvor in Frankfurt gewohnt hatte.

[5] HHStAW 685 811a Bd. 1 (46) Stückweiser Verkauf ist nicht wie man meinen könnte, flaschenweiser Verkauf, sondern Großhandel. Zu seinen Kunden zählten weder Privatpersonen, noch das gastronomische Gewerbe, sondern nur weitere Weinhändler.

[6] HHStAW 685 811a Bd. 1 (111) Der Einheitswert des Mietgrundstücks belief sich wohl zunächst auf 31.900 RM, wurde dann neu bewertet und auf 37.100 RM gesetzt, siehe HHStAW 685 811a Bd. 2 (1).

[7] HHStAW 685 795 Bd. 1 (7).

[8] HHStAW 685 795 Bd. 1 (1). Welche verwandtschaftlichen oder freundschaftlichen Verbindungen zur Familie Strauss bestanden, konnte nicht geklärt werden.

[9] HHStAW 685 795 Bd. 1 (9a)

[10] HHStAW 685 795 Bd. 1 (11)

[11] HHStAW 685 811a Bd. 2 (26) Das Geld sollte selbstverständlich auf ein gesichertes Konto fließen. Zuzüglich zum Kaufpreis hatte der Käufer eine „Auflage“, sprich Ausgleichsabgabe, von 1.000 RM zu Gunsten des Deutschen Reiches zu zahlen, ebd. (12).

[12] HHStAW 685 811a Bd. 2 (5, 11).

[13] HHStAW 685 811a Bd. 2 (33).

[14] HHStAW 685 811a Bd. 2 (46).

[15] HHStAW 685 811a Bd. 2 (15, 43), zunächst war beabsichtigt das Haus statt an Rückert, an dessen drei minderjährige Kinder zu verkaufen. Der Regierungspräsident hatte dazu bereits seine Zustimmung erteilt, siehe HHStAW685  811a Bd. 2 (43).

[16] HHStAW 685 811a Bd. 2 (37).

[17] Das Finanzamt Wiesbaden hatte am 23.31942 verfügt, dass Frau Helene Strauss mit Wirkung vom 1.1.1941 aus der  Einkommensteuerliste zu streichen sei, weil kein steuerpflichtiges Einkommen mehr vorläge. HHStAW 685 811a Bd. 2 (o.P.).

[18] HHStAW 519/2 1381.