Gustav Strauss

Eine weitere Person mit dem Nachnahmen Strauss wurde im Jahr 1942 Bewohner des Hauses. Es handelte sich um den ledigen, aus Hammelburg stammenden Gustav Strauss, der dort am 25. Dezember 1892 geboren worden war.

Sein Vater war der am 21. Mai 1859 geborene Juda Strauss, ein um 1890 von Hüttengesäß, einem Teil der heutigen Gemeinde Ronneburg, nach Hammelburg gekommener Kaufmann, der dort eine Schuhhandlung aufgemacht hatte. Seine Frau, die am 20. April 1857 in Westheim bei Hammelburg geborene Jetta Stiefel, gebar neben dem ältesten Sohn Gustav am 19.April 1894 noch Ludwig und am 15. November 1895 die Tochter Selma.

Beide Eltern starben früh, der Vater 1912 und die Mutter 1915, und auch der Bruder verstarb mit 22 Jahren an den Folgen einer Kriegsverletzung in einem Kölner Lazarett.[1] Gustav hatte ebenfalls eine schwere Kriegsverletzung erlitten, die zur Amputation seines linken Fußes geführt hatte.

Beruflich war Gustav zunächst in den frühen zwanziger Jahren als Reisender auf Provisionsbasis für ein bayrisches Unternehmen tätig. Mitte der Zwanziger Jahre verkaufte er seinen Erbteil am Elternhaus, zog wohl bald darauf nach Wiesbaden und eröffnete im Dezember 1926 – ganz in der Tradition der Familie – ein Schuhgeschäft in der Kleinen Webergasse 11. Er selbst wohnte zunächst im Dambachtal 1.[2]

Die Geschäfte liefen aber offensichtlich nicht so gut, wie ursprünglich erhofft. Schon ein Jahr später verlegte er den Schuhladen in die Moritzstr. 40, wo er dann auch eine Wohnung bezog. Aber die finanziellen Probleme wurden dadurch nicht gelöst. Immer wieder gab es Konflikte mit dem Finanzamt, weil er die geforderten Steuervorauszahlungen nicht leisten konnte. „Infolge großer Belastungen durch Umzug u. Kauf der Einrichtung war unter Berücksichtigung des unverhältnismäßig geringen Umsatzes ein nennenswerter Gewinn nicht zu erzielen,“ schrieb er dem Amt bei Abgabe der Einkommensteuererklärung 1927 und ergänzte zwei Monate später „Nachdem ich 9 ½ Monate in der Kl. Webergasse unglücklicherweise das Geschäft betrieb, eine kleine Straße, in der fast niemand passiert, ist es logisch, dass man kein Geschäft machen kann.“ [3]

Auch wegen der Höhe Veranlagung kam es zum Streit mit der Behörde. Nach seiner Berechnung hatte er im Jahr 1927 bei einem Jahresumsatz von 7.730 RM einen zu versteuernden Nettogewinn von nur 822,- RM erwirtschaftet. In den folgenden Jahren sank dieser Gewinn noch weiter ab, bis die Deflation der Weltwirtschaftskrise das endgültige Ende herbeiführte. Im November 1930 hatte er einen Rückgang des Umsatzes von 40 % zu verkraften und nur ein Vergleich mit den Gläubigern lies ihn ein weiteres halbes Jahr durchhalten. Am 22. Oktober 1931 teilte er dem Finanzamt Wiesbaden mit, dass er sein Geschäft im August habe aufgeben müssen und inzwischen nur noch von seiner Kriegsbeschädigtenrente und kleinen Zuwendungen von Verwandten lebe.[4]

Er hatte danach trotz der schwierigen wirtschaftlichen Lage sogar noch einmal Arbeit als Büroangestellter bei einer er Firma gefunden, wo er nach eigenen Angaben allerdings nur einen sehr geringen Lohn  empfing.[5]

Als die Devisenstelle Frankfurt ihm im August 1940 eine Sicherungsanordnung zusandte – er wohnte zu dieser Zeit noch in der Moritzstr. 40 – und eine Vermögens- und Einkommensaufstellung verlangte, teilte er der Stelle mit, dass er außer Möbeln und Wäsche nichts mehr besitze und von zwei kleinen Renten in der Gesamthöhe von 53 RM monatlich lebe. 16 RM brauche er für die Wohnung und 37 RM für den Lebensunterhalt „ohne Kleidung“.[6] Der Kauf neuer Kleidung war in seinem Budget offensichtlich schon nicht mehr vorgesehen.

Die Devisenstelle verzichtete auf die Anlage eines gesicherten Kontos und erlaubte ihm sogar, die Rente in bar entgegennehmen zu dürfen. Nur ein weiteres Blatt ist in der Devisenakte von Gustav Strauss enthalten. Auf ihm sind die bürokratischen Routinen festgehalten, die nach der „Evakuierung“ üblicherweise erfolgten.[7]

Zuvor, am 16. Februar 1942, war er noch aus seiner alten Wohnung in das Judenhaus in der Adelheidstraße umquartiert worden und hatte dort als Alleinstehender ein Mansardenzimmer im vierten Stock bezogen. Ein halbes Jahr blieb er hier, aber es gibt nichts, was Auskunft über diese Zeit, über sein Leben dort geben würde. Wie so viele andere war auch er schon aus dem Leben geschieden, bevor es endgültig erlosch.

Noch einmal hätte man ihn sehen können, nämlich am Morgen des 1. Septembers 1942, als er mit den anderen 370 Juden von der Synagoge in der Friedrichstraße zur Rampe am Schlachthof getrieben wurde, um den Viehwagen des Transports nach Theresienstadt zu besteigen. Er hatte die Transportnummer 908 erhalten. Nach einem viertel Jahr musste er den nächsten Transport besteigen, diesmal gab man ihm die Nummer 622. Der Zug Da 103 verließ am 23. Januar 1943 Theresienstadt mit dem Ziel Vernichtungslager Auschwitz Birkenau. Am folgenden Tag wurde Gustav Strauss dort in einer der Gaskammern ermordet.[8]

 

 

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Anmerkungen:

 

[1] Die Angaben zum familiären Hintergrund von Gustav Strauss sind der sehr informativen Homepage Victims of Holocaust – Hammelburg – Westheim – Unterthal entnommen., siehe http://www.victims-of-holocaust-hammelburg.de/gustav-strauss.html. Hier ist auch reichlich Bildmaterial zur Familie eingestellt.

[2] HHStAW 685 791d (1). Nach Wiesbaden gekommen war er nach eigenen Angaben im November 1926, siehe HHStAW 685 791b (14).

[3] Ebd. (26, 31).

[4] HHStAW 68/5 791b (58) Das Geschäft war im August 1931 eingestellt worden. Es wurde aber erst ein Jahr später zum 30.9.32 beim Gewerbeamt abgemeldet, siehe HHStAW 685 791d (o.P.) Zuletzt muss der Laden noch einmal verlegt worden sein, bei der Abmeldung ist die Adresse Nikolasstr. 12 angegeben. Wann genau der Umzug stattgefunden hatte, ergibt sich aus den Akten nicht.

[5] HHStAW 519/3 8027 (6) Der Beruf „Büroangestellter“ war auch auf seiner Gestapo-Karteikarte eingetragen.

[6] HHStAW 519/3 8027 (1, 3).

[7] HHStAW Ebd. (8).

[8] Siehe zu diem Transport http://db.yadvashem.org/deportation/nameDetails.html?language=en&applid=SAPIR7&queryId=JAGUAR02_2052_781953&itemId=4789170.