Florine Strauss und die Familie ihres Sohnes Hugo Strauss

Florine Strauss, geborene Bender, die Schwester von Sophie Morgenthau, war am 1. November 1940 mit der Familie ihres ältesten Sohnes Hugo Strauss, mit dessen Frau Gertrud und der Enkelin Lore in das Judenhaus gekommen. Zumindest das Zimmer von Florine lag im gleichen Stock, wie die Wohnung der Morgenthaus, weshalb man vermuten kann, dass sie dort die noch verbleibenden eineinhalb Jahre alle zusammen leben mussten.

Seligmann Sophie Morgenthau Florine Strauss Adelheidstr. 94 Wiesbaden
Stammbaum der Familien Morgenthau und Strauss – GDB – PLS

Die am 30 März 1868 in Wittlich bei Trier geborene Florine Strauss war bei ihrem Einzug in das Judenhaus 72 Jahre alt und seit dem Tod ihres Mannes Hermann Strauss am 10 März 1921 verwitwet. Sie hatte den am 9. Oktober in Wiesbaden geborenen Pferdehändler am 5. Februar 1921 geheiratet und war seitdem in Wiesbaden geblieben.[1]

Aus der Ehe waren die beiden Söhne Hugo, geb. am 25. Januar 1891, und Max Meir, geb. am 30. September 1893, hervorgegangen. Den jüngeren Sohn hatten die Eltern noch in der Endphase des Ersten Weltkriegs verloren. Er war am 26. September 1918 im Alter von nur 24 Jahren in Süddeutschland gefallen.[2]

Hugo, der ältere Sohn, der seit einem Unfall während seines Militärdienstes an Schwerhörigkeit litt, war wie der Vater Pferdehändler geworden und hatte schon in den letzten Jahren vor dem Tod des herzkranken Vaters, den Betrieb im Wesentlichen alleine geführt hatte – allerdings mit wenig Erfolg. Spätestens mit den Inflationsjahren[3] und noch mehr mit dem Beginn der Weltwirtschaftskrise geriet die Familie unter erheblichen finanziellen Druck. Immer wieder mussten Stundungsanträge beim Finanzamt Wiesbaden gestellt werden und Pfändungsdrohungen wegen rückständiger Steuern oder nicht gezahlter Verzugszinsen abgewendet werden. Selbst relativ kleine Beträge von etwa 15 RM wurden schon 1927 zum existentiellen Problem für den Betrieb.[4] Schon 1928 teilte Hugo Strauss dem Finanzamt mit, dass er seit dem 1. Januar 1928 keinen umsatzsteuerpflichtigen Betrieb mehr habe, weil seine Jahresumsätze unter 6.000 RM lägen, was allerdings von den Steuerbeamten immer wieder in Frage gestellt wurde.[5]

Diese Auseinandersetzungen mit den Finanzbehörden eskalierten mit dem Machtantritt der Nationalsozialisten. Da Hugo Strauss offensichtlich keine ordentliche Buchführung betrieb, mit der er hätte belegen können, dass er Verkäufe nur in Kommission ausführte oder sogar nur als Vermittler aufgetreten war, wurde ihm 1935 durch Steuerschätzung ein Jahresumsatz von ca. 10.000 RM unterstellt und eine Steuerforderung von 200 RM erhoben, die zu zahlen der Familie absolut unmöglich war. In einem längeren Gerichtsprozess, in dem, wie schon vielfach zuvor, sein Cousin, der Rechtsanwalt Otto Morgenthau, seine Interessen vertrat, wurde von diesem die Situation der Familie damals prägnant beschrieben „Der Beschwerdeführer ist Pferdehändler, kann aber, wie die nachstehenden Ausführungen ergeben, keine andere Tätigkeit als die eines Vermittlers von Pferde-An-und Verkäufen ausüben. Er vermag den Lebensunterhalt für sich, seine Familie und seine betagte Mutter nur dadurch bestreiten, dass er von Verwandten teilweise fortlaufend, teils zeitweise Unterstützung erhält. Er versucht selbstverständlich, diese zum Lebensunterhalt der aus 4 Personen bestehenden Familie kaum ausreichenden Zuwendungen durch eigene Tätigkeit zu vermehren. Da der Beschwerdeführer über keinerlei Betriebskapital verfügt, also einerseits nicht in der Lage ist, Pferde gegen Bezahlung einzukaufen & andererseits der Käuferschaft auch nicht die üblichen Zahlungsziele gewähren kann, bleibt ihm schon keine andere Möglichkeit, als sich als Vermittler von Pferde-An- und Verkäufen zu betätigen. Diese seine Tätigkeit ist jedoch durch die bekannte politische Entwicklung und die hieraus resultierende Einstellung der beteiligten arischen Kreise auf das Äusserste eingeschränkt. Denn die sich fast ausschließlich aus Landwirten zusammensetzenden Kreise lehnen es infolge dieser Einstellung in den meisten Fällen von vornherein ab, die Vermittlungsdienste des Beschwerdeführers in Anspruch zu nehmen, weil er jüdischer Händler ist. Diese Entwicklung ist allgemein bekannt, dass hierüber nichts weiter gesagt werden braucht.“[6]

Als man Hugo Strauss im Jahre 1939 erneut einen Bogen für die vierteljährige Umsatzsteuervoranmeldung zuschickte, erwiderte er in einem Brief: „Gemäss der Ende des Jahres 1938 ergangenen Verfügung des Viehwirtschaftsverbandes Hessen-Nassau zu Frankfurt a/Main bin ich nicht mehr Pferdehändler. Darüber hinaus bin ich als Jude auf Grund Gesetzes aus dem Wirtschaftsleben überhaupt ausgeschaltet. Mit Rücksicht auf diesen Sachverhalt ist die Erzielung umsatzsteuerpflichtiger Entgelte für mich nicht mehr möglich.[7]

Nach der Reichspogromnacht, als auch die Familie Strauss zur Abgabe einer Vermögensmeldung verpflichtet wurde, besaß sie faktisch nichts außer einem Grundstück in der Schiersteiner Straße im Wert von 25.000 RM, das aber mit Schuldverschreibungen völlig überlastet war, sodass der Fiskus sogar darauf verzichtete Hugo Strauss zur Judenvermögensabgabe heranzuziehen.

Seit etwa 20 Jahren hatte die Familie am Existenzminimum gelebt. Mehrfach hatte man vermutlich nicht zuletzt aus diesem Grund die Wohnung gewechselt, war zunächst von der Adelheidstr. 90 in die Erbacher Str. 6, dann in die Dotzheimer Str. 78 und zuletzt am 1. November 1940 in die Adelheidstr. 94 gezogen.

Möglicherweise war es – wie in vielen anderen Fällen – auch hier so, dass der Auszug aus der alten Wohnung in der Dotzheimer Straße durch Kündigung erzwungen, der Einzug in die Wohnung der Schwester aber selbst gewählt war. Vielleicht hatte das Wohnungsamt aber auch Morgenthaus gezwungen, die Schwester mit ihrer verarmten Familie bei sich einzuquartieren.

Unmittelbar vor diesem letzten Umzug hatte die Mutter Florine in einer anderen Angelegenheit dem Finanzamt ihre eigene finanzielle Lage geschildert.

Für den Sohn, der sie nicht mehr unterstützen konnte, war ihr inzwischen nach Palästina ausgewanderte Bruder Josef Bender eingesprungen und hatte, wie schon von Otto Morgenthau erwähnt, seine Schwester samt Familie unterstützt. Von seinem Auswandererkonto bei der Dresdner Bank in Köln sollte ihr monatlich ein Betrag „zur Bestreitung der dringendsten Lebensbedürfnisse“ zur Verfügung gestellt werden. So war es vertraglich mit Zustimmung der zuständigen Devisenstelle festgelegt worden. Nun gab es aber offenbar zu diesem Zeitpunkt auf dem Konto keine liquiden Mittel mehr und es hätten Wertpapiere aus dem Depot verkauft werden müssen, was aber nur mit Erlaubnis der „Wirtschaftsgruppe Privates Bankgewerbe“ in Berlin möglich war. Die wiederum verlangte ein amtliche Bescheinigung als Nachweis ihrer Bedürftigkeit, weshalb nun Florine Strauss sich an das hiesige Finanzamt wandte, um von diesem eine Bestätigung zu erhalten, dass sie nicht einkommensteuerpflichtig sei.[8] Auf der Rückseite des Schreibens ist nur drei Tage später vermerkt, dass sie nicht in der Steuerliste geführt würde, die gewünschte Bescheinigung daher auszustellen sei.

Bevor dies aber geschah hatte Florine Strauss wenige Tage danach ihre Steuererklärung für das Jahr 1939 abgegeben. Dem ansonsten leeren Formular hatte sie, um ihre Notlage zu belegen, eine Anlage beigefügt, in der sie aufgelistet hatte, über welches Einkommen sie derzeit verfügte. Vom Versorgungsamt erhielt sie für den gefallenen Sohn einen monatlichen Betrag von 12 RM, für 1939 somit insgesamt 144 RM, dazu noch, ausgezahlt in zwei Raten, eine Rente von insgesamt 150 RM, alles steuerfrei, wie vom Finanzbeamten festgehalten. Das galt aber nicht für einen weiteren Betrag von 1500 RM. Zu diesem Betrag hatte sie angemerkt, „dass ich den größten Teil der Schenkung meines Bruders der aus 3 Personen bestehenden Familie meines Sohnes Hugo Israel Strauss geben musste, die sonst aus Mangel an derer Subsistenzmittel ihren dringendsten Lebensunterhalt nicht hätte bestreiten können.“[9] Diese Summe erregte dennoch die Aufmerksamkeit der Steuerverwaltung und man schickte ihr nachträglich einen Steuerbescheid, demzufolge sie nun 125 RM zahlbar in vier Raten á 31 RM nachzuzahlen habe.[10]

Es ist aus heutiger Sicht geradezu erstaunlich, wie diese alte und vielfach geschundene Frau in klarer Sprache der Finanzbehörde den steuerlichen Sachverhalt darstellte und den Steuerbescheid anfochte. Wenngleich „ergebenst“, dennoch bestimmt und angesichts der Lage mutig, bat sie um Rücknahme der Forderung, da sonst „schwerste Beeinträchtigungen für meinen und der mit mir in gemeinsamen Haushalt zusammenlebenden Familie meines Sohnes“ unausbleiblich wären.[11] Und wider Erwarten hatte ihr Widerspruch Erfolg. In einem neuen Bescheid vom Oktober wurde ihrem Antrag stattgegeben.[12]

Es sind diese kleinen Kämpfe im Alltag, die die Menschen zermürben mussten und die es auch denjenigen, die von außen Hilfe leisten wollten und konnten, es so schwer machten, diesen Wunsch zu realisieren. Florine Strauss hatte den Mut und zu dieser Zeit auch noch die Kraft, sich mit dem Staat, der ihr nahezu alle Lebensmöglichkeiten genommen hatte, anzulegen und um die 125 RM zu kämpfen.

Und die Familie hat ganz offensichtlich in der Not zusammengehalten. Solange Otto Morgenthau noch hier in Deutschland war, hatte er sich, wie die Korrespondenz mit dem Finanzamt zeigt, mit seinem juristischen Wissen für seine Verwandten eingesetzt, der Onkel in Palästina hatte Geld gegeben und Simon und Sophie Morgenthau hatten ihren Wohnraum geteilt und nachdem das Geld des Bruders 1941 gesperrt wurde, auch ihr geringes Einkommen mit ihnen geteilt.[13]

Hugo Strauss wurde mit seiner Frau Gertrude und der sechszehnjährige Lore am 10. Juni 1942 nach Lublin verbracht und kurz darauf in Sobibor umgebracht.[14]

Florine Strauss teilte das Schicksal ihrer Schwester und ihres Schwagers. Sie wurde wie diese dem Transport vom 1. September nach Theresienstadt zugeteilt und war ebenfall kurze Zeit nach der Ankunft im Lager verstorben. Die Todesfallanzeige des Ghettos nennt als Todestag den 14. Oktober 1942.[15]

 

 

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Anmerkungen:

 

[1] Sie zu den Lebensdaten ihren Brief an das Finanzamt Wiesbaden vom 25.2.1939 in HHStAW 685 790 (1).

[2] Sie Eintrag in der Genealogischen Datenbank der Paul-Lazarus-Stiftung Wiesbaden für Max Meir Strauss.

[3] Schon 1921, wohl noch zu Lebzeiten des Vaters, war die Notlage des Betriebes dem Finanzamt ausführlich dargestellt worden und 1924 wurde dem Finanzamt mitgeteilt: „Ganz abgesehen davon [von einer Krankheit – K.F.], liegt das Geschäft aus den allgemein bekannten wirtschaftlichen Gründen vollkommen danieder.“, siehe HHStAW 685 793 (6, 23) Vermögensteuerakte.

[4] Siehe HHStAW 685 793 (5) Gewerbesteuerakte.

[5] HHStAW 685 793 (125) Gewerbesteuerakte.

[6] HHStAW 685 793 (16) Umsatzsteuerakte. Trotz aller plausiblen Argumente von Otto Morgenthau blieb das Gericht bei seiner Position, da dem Beklagten die Nachweispflicht über die getätigten Geschäfte auferlegt sei.

[7] HHStAW 685 793 (20).

[8] HHStAW 685 790 (1).

[9] HHStAW 685 790 (3).

[10] HHStAW 685 790 (4).

[11] HHStAW 685 790 (6, 7) Florine legte dar, dass das Geld aus einer von der Devisenstelle genehmigten Schenkung stammte, Geld, das bereits zuvor versteuert worden war.

[12] HHStAW 685 790 (11).

[13] Siehe oben die Ausführungen zur Familie Morgenthau..

[14] Sie wurden vom Amtsgericht Wiesbaden laut Beschluss vom 15.1.1953 für tot erklärt, siehe HHStAW 469-33 4358 (17).

[15] http://www.holocaust.cz/de/datenbank-der-digitalisierten-dokumenten/dokument/86185-strauss-florine-todesfallanzeige-ghetto-theresienstadt/.