Flora Wieseneck

Auch Flora Wieseneck war von Beruf Dienstmädchen. Bis zu ihrer Ermordung im Vernichtungslager Sobibor hatte sie bereits eine lange Leidensgeschichte hinter sich gebracht. Eine Krankenakte der Psychiatrie Eichberg – mehr ist über ihr Leben nicht erhalten geblieben – gibt wenigstens einen punktuellen Einblick in ihr Schicksal.

Geboren wurde sie am 26. Juni 1894 in Frankfurt als Tochter von Simon Wieseneck und seiner Frau Thekla, geb. Fürth.[1] Das Paar hatte mindestens noch zwei Kinder, nämlich Recha, verheiratete Jeidel,[2] und den Bruder Ernst, beide wohnhaft in Frankfurt. Wann die Eltern starben, ist nicht bekannt, nur dass der Vater zum Todeszeitpunkt  69 Jahre, die Mutter erst 44 Jahre alt waren.[3] Nur die beiden Geschwister treten in der Krankenakte als Bezugspersonen aus der Familie auf.

Nach dieser Krankenakte war Flora erstmals 1922 in der Klinik Eichberg aufgenommen worden. Sie war eine von acht „Eilfällen“, deren Überführung die Frankfurter „Anstalts-Deputation“ im August beantragt und für die sie auch die Pflegekosten vorläufig übernommen hatte. Mehrfach wurde sie in der Folgezeit wieder entlassen und neu aufgenommen. Ein Amtspfleger aus Hattenheim hatte sich schon nach der ersten Einlieferung an die Schwester Recha Jeidel mit der Bitte gewandt, „eine geeignete Stellung und Aufsicht für ihre Schwester zu beschaffen.“[4] Aber – so schrieb er später erneut an die Klinik – weder diese, noch der Bruder seien bereit bzw. in der Lage, die Kranke, die nach Meinung des Bruders „bösartig und unerträglich“ sei, bei sich aufzunehmen.[5] Auch weitere Versuche, sie außerhalb unterzubringen, scheiterten letztlich immer wieder, allerdings hatte die Schwester sie zwischenzeitlich für einen „Urlaub“ mindestens einmal zu sich kommen lassen.

1925 war sie dann doch aus der Klinik entlassen worden und hatte eine Arbeit bei einem Igstadter Bauern aufgenommen, über deren Dauer aber nichts bekannt ist. Seit dem 26. Oktober 1926 war sie in Wiesbaden in der Bärenstr. 5 polizeilich gemeldet,[6] wurde aber schon wenige Tage darauf von den Städtischen Kliniken Wiesbaden wieder in die Psychiatrie Eichberg überstellt. Ende 1926 kam sie in einer Hattersheimer Pflegefamilie unter.

Sowohl auf dem Eichberg selbst als auch bei Aufenthalten außerhalb, so z. Bsp. für kurze Zeit im „Hotel Rose“ in Rüdesheim, arbeitete sie meist als Küchenhilfe, musste aber nach Aussagen der Pflegerinnen immer genau instruiert und zur Arbeit angehalten werden. In einem Brief der Klinik vom 10. Februar 1925 an den Magistrat Frankfurt war die Diagnose „angeborener Schwachsinn“ gestellt worden,[7] eine Diagnose, die im Hinblick auf die kommende Jahre eigentlich einem Todesurteil gleichkam.

Dennoch überstand sie nahezu 10 Jahre der Nazizeit. Unter welchen Umständen ihr das gelang, ist nicht bekannt. Zuletzt, mindestens ab 1935, wohnte sie in der Rheinstr. 80. Ob sie hier in Diensten stand oder nur ihre Wohnung hatte, ist nicht bekannt. Nach allen Krankenberichten in ihrer Akte war sie aber eigentlich nicht fähig alleine zu leben, bedurfte vielmehr ständiger Betreuung. Die Kranken- und Pflegekosten waren im Allgemeinen von öffentlichen Kassen, denen der Städte Frankfurt oder Wiesbaden, übernommen worden.[8] Zumindest in den zwanziger Jahren konnte sie durch ihre Arbeit als Küchenhilfe kleine Beträge zum eigenen Lebensunterhalt auch selbst verdienen. Dennoch wird sie auch weiterhin auf Gelder der öffentlichen Fürsorge angewiesen gewesen sein.

Nach der Gestapo-Karteikarte kam sie am 1. November 1940 in die Adelheidstr. 94. Der Zeitpunkt legt einen erzwungenen Wohnungswechsel in das Judenhaus  nahe, allerdings könnte es auch sein, dass sie zusammen mit Florine Strauss, die am gleichen Tag einzog, gekommen war. Vielleicht hatte die sie auch bereits zuvor in ihre Obhut genommen, aber das müssen angesichts der dürftigen Aktenlage reine Mutmaßungen bleibe.

Über Floras Leben im Judenhaus ist nichts bekannt. Mit mindestens elf anderen Bewohnern der Adelheidstr. 94 trat sie am 10. Juni 1942 den Weg in das Vernichtungslager Sobibor an.

 

 

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Anmerkungen:

 

[1] HHStAW 430/1 7912 (10) Geburtsurkunde.

[2] Im Gedenkbuch des Bundesarchivs ist eine Recha Jeidel, geb. Wieseneck, vermerkt, die am 1889 in Frankfurt geboren wurde. Mit großer Sicherheit handelt es sich um die Schwester von Flora. Sie wurde nach ihrer Emigration nach Holland verhaftet und in Westerbork interniert. Am 20 Juli 1943 wurde sie von dort nach Sobibor deportiert, wo sie am 23. Juli umgebracht wurde.

[3] Ebd. (o.P.).

[4] Ebd. (17).

[5] Ebd. (18).

[6] Ebd. (o.P.) Polizeiliche Anmeldung in Wiesbaden vom 18.10.1926.

[7] Ebd. (o.P.) In diesem Schreinen wird zudem festgestellt, dass eine Krankenhauspflege „auf nicht absehbare Zeit“ wegen ihrer „Unfähigkeit zu selbständiger Lebensführung“ weiterhin nötig sei.

[8] In Frankfurt gab es neben der bereits erwähnten Recha Jeidel, geb. 10.2.1889, Mädchenname Wieseneck, eine weitere Recha Wieseneck, allerdings mit dem Geburtsdatum 4.11.1888, die von Beruf Krankenschwester war und im dortigen Jüdischen Krankenhaus arbeitete. In der Chronik über die Pflegegeschichte ist sie erwähnt mit einem Verweis auf Wiesbaden. Es heißt dort „19.11.1938 – 27.06.1942 Rückkehr aus Wiesbaden in der Gagernstr. 36 (jüdisches Krankenhaus)“siehe , http://www.juedische-pflegegeschichte.de/recherche/?dataId=339869319664719&attrId=339870278297656&opener=131724511929199&id=131724555879435&sid=5a50b4885233ed9355a8f52190b62927#A339870278297656. Es könnte sein, dass diese vermutliche Verwandte bis 1938 die Pflege von Flora übernommen hatte. Um die Schwester selbst wird es sich nicht gehandelt haben, nicht nur wegen des unterschiedlichen Geburtsdatums, sondern auch wegen des anderen Schicksals. Die zuletzt erwähnte Recha wurde am 27.6.1942 unmittelbar von Frankfurt aus deportiert. Nach Auskunft des Projekts „Jüdische Pflegegeschichte“ in Frankfurt vermutet man, dass Recha in einem Einzeltransport auf Anweisung der „Stapo“ möglicherweise in das Frauen-KZ Ravensbrück überstellt wurde. Ein Eintrag für sie ist im Gedenkbuch des Bundesarchivs nicht vorhanden.