Claire Freudmann

Claire Freudmann war im eigentlichen Sinne keine Bewohnerin der Adelheidstr. 94. Gleichwohl hatte die Gestapo in Wiesbaden auch für sie eine Karteikarte angelegt, aber unter ‚Vermerke’ „zu Besuch“ eingetragen. Sie war am 11. Oktober in Pirmasens geboren worden, hatte aber offensichtlich keine deutschen Eltern, denn ihre Staatsangehörigkeit wird auf der gleichen Karteikarte als „Staatlos“ bezeichnet.

Der Karte, die zu den wenigen Spuren gehört, die Claire hinterlassen hat, ist ebenfalls zu entnehmen, dass sie von Beruf Hausgehilfin war und am 7. Februar 1941 aus Gotha nach Wiesbaden kam. Dass es sich aber nicht um einen sehr kurzen Besuch gehandelt haben kann ergibt sich daraus, dass sie von hier aus mit der Devisenstelle Frankfurt in einer Angelegenheit ihres Vaters Jakob Oscar Freudmann korrespondierte, der zu dieser Zeit in Brüssel bzw. Linkenbeck bei Brüssel in einem „Hospital des reconvales“ lebte.[1] Im Briefkopf gab sie auch an, wen sie hier in Wiesbaden in der Adelheidstr. 94 vermutlich besuchte. Gewohnt hat sie zumindest bei Simon und Sofie Morgenthau im zweiten Stockwerk des Hauses.

In diesem Brief bat sie, nachdem ein erstes Gesuch offenbar abgelehnt worden war, erneut darum, ihr zu erlauben, ihrem Vater Kleidung in die Klinik senden zu dürfen, da dieser „so gut wie gar nichts mehr zum Anziehen“ habe. Man möge wenigstens das Wichtigste aus der beiliegenden Liste genehmigen.[2] Die Liste enthält insgesamt 28 Artikel, darunter Unterwäsche, Hemden, ein Mantel, Krawatten und einige kleine Gebrauchsgegenstände wie Feuerzeug oder Füllfederhalter – „alles gebrauchte Sachen“, wie Claire notiert. Der Vater hatte seine Tochter gebeten, sein Gesuch an die „zuständige Stelle“ weiterzuleiten. Wenn das die Devisenstelle in Frankfurt war, so muss man daraus schließen, dass auch der Vater zuvor im Amtsbereich dieser Behörde gewohnt haben muss.

Welche überbordende Bürokratie aber diese kleine Bitte auslöste, zeigt der Aktenvermerk der Devisenstelle in dieser Angelegenheit:

„1.    In A-Liste eintragen unter (Aktenzeichen)
Versand von Kleidungsstücken
2.      AU-Mappe anlegen:
Jakob Oscar Freudmann – Brüssel
3.      Karteikarte anlegen
4.      Vermerk auf Karteikarte: Versand von Kleidungsstücken durch Claire Sara Freudmann,   Wiesbaden, Adelheidstr. 94
5.      Karteikarte anlegen für Claire Sara Freudmann, Wiesbaden, Adelheidstr. 94
6.      Karteivermerk: Versand von Kleidungsstücken an Jakob Oscar Freudmann, z.Zt. Brüssel
7.      W.V
.[Wiedervorlage – K.F.] Herrn Ullrich
8.      Nach Wiedervorlage der Akten ist die Umzugsgutsliste mit Genehmigungsvermerk an Claire Sara Freudmann, Wiesbaden, zu senden.
(erl. Ul 29.8.41)
9.      Das Verfahren wird eingestellt
10.    Vermerk auf Karteikarte
11.    Vermerk A-Liste
12     Akten weglegen
I.A. Ul“
[3]

 

Es muss immer wieder verwundern, dass dieses Regime, dessen Verwaltungsaufwand, bei aller Willkür, selbst vor den Toren der KZs nicht Halt machte, nicht an seiner eigenen Bürokratie erstickte. Beide Aspekte dieses Herrschaftssystems, Willkür und Bürokratismus, treten in dieser kleinen Episode um den Koffer mit alten Kleidungsstücken deutlich zu Tage, Dass der gerade zuvor abgelehnte Antrag dieses Mal genehmigt wurde, obwohl es dazu keine neuen Erkenntnisse oder Akten gab, muss trotz des erfreulichen Ausgangs für die Freudmanns, ebenfalls als ein Akt der Willkür bezeichnet werden.

Weder zu Jakob Oscar noch zu Claire Freudmann gibt es Dokumente, aus denen sich ihr weiteres Schicksal sicher ergeben würde. Beide Namen erscheinen in keiner der vielen Opferlisten. Nach Angaben des IST Arolsen soll Claire Freudmann den Krieg überlebt haben.[4]

 

 

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Anmerkungen:

 

[1] HHStAW 519/3 27837 (1)

[2] Ebd.

[3] HHStAW 519/3 (4)

[4] Siehe Eintrag in der Genealogischen Datenbank der Paul-Lazarus-Stiftung Wiesbaden.