Bertha Strauss mit Tochter Grete

Auch bei einer weiteren Familie Strauss, die zuletzt in diesem Judenhaus lebte, ist nicht klar, ob und wie sie gegebenenfalls mit den anderen Familien gleichen Namens verwandtschaftlich verbunden war. Wie zuvor handelt es sich auch diesem Fall nur noch um die Restfamilie, bestehend aus Mutter Bertha und der ledigen Tochter Grete Strauss.

Der Ehemann bzw. Vater Sussmann Strauss war bereits am 6. Dezember 1936 in Wiesbaden verstorben. Er stammte aus dem Rheingau, wo er am 2. März 1870 in Geisenheim geboren worden war. Wie viele andere Straussens aus dieser Region hatte auch er den Beruf eines Weinhändlers ausgeübt. Schon sein Vater Adolf Strauss, in einem Steuerverfahren als „Landesproduktenhändler“ bezeichnet, hatte wohl auch mit Wein gehandelt.[1]

Im Jahr 1901 hatte Sussmann die am 21. Februar geborene Bertha Strauss aus Steinach an der Saale geheiratet. Aus der Ehe waren zwei Töchter hervorgegangen. Zunächst am 12. Dezember 1901 Erna Babette und dann am 30. Januar 1905 Grete.

Für die ältere Tochter Erna hatte die Gestapo eine eigene Karteikarte angelegt, allerdings unter dem Namen Fuß. Diesen Namen hatte sie durch ihre erste, am 29. Juli 1926 geschlossene Ehe mit Antonius Fuß, geb. am 20. März 1888 in Aachen, erhalten. Die Ehe wurde vermutlich um die Jahre 1936/37 entweder durch den Tod des Partners oder durch Scheidung wieder aufgelöst, denn die weiteren Adressen auf der Gestapo-Karteikarte von Erna stimmen mit denen ihrer Eltern in Wiesbaden überein.[2] Zunächst hatten alle zusammen in der Goethestr. 4 gewohnt und waren dann am 26. September 1939 in den Bismarckring 27 in den zweiten Stock gezogen.

Zu diesem Zeitpunkt war die Familie bereits völlig verarmt. Wie aus einem Schreiben von Sussmann Strauss an das Finanzamt vom 30. Januar 1936 hervorgeht, markierte bereits die Wohnung in der Goethestraße einen sozialen Abstieg: „Ich hatte früher eine große Wohnung, habe mich so umgestellt, dass ich heute im III. Stock (obwohl mir die Treppen sehr schwer fallen) eine Teilwohnung von 3 Zimmer habe.“[3] Deutlich wird, wie wenig die Gestapo im Einzelfall eingreifen musste, um die Juden zur Aufgabe ihrer bisherigen Wohnungen zu zwingen. Das besorgten zumindest bei den ärmeren Juden allein die ökonomischen Zwänge. Auch der weitere Wohnungswechsel war finanziell begründet: „… und ich habe heute nur noch die 50 RM, die mir mein Schwiegersohn monatlich gibt. Ich lebe mit meiner Tochter nur noch in 1-Zimmer mit Küchenbenutzung, da ich meine 3 Zimmerwohnung aufgeben musste, weil ich dieselbe nicht mehr bezahlen konnte“, schrieb Bertha Strauss im November 1939 an das Finanzamt.[4] Am Schluss blieb dann auch in diesem Fall das Judenhaus als letzte Möglichkeit eine bezahlbare Unterkunft zu finden.

Die Weinhandlung war aber bereits viel früher, nämlich 1931 im Gefolge der Weltwirtschaftskrise wegen Überschuldung aufgegeben worden. Allerdings war sie nicht im Handelsregister gelöscht worden, weshalb das Finanzamt Wiesbaden 1935 eine Betriebsprüfung veranlasst hatte. Daraus ergab sich, dass Sussmann Strauss weiterhin als Vertreter, sogar mit Untervertretern, einen Weinhandel in Westfalen, dem Rheinland bis nach Hannover betrieben haben soll, aber weder die notwendigen Aufzeichnungen über Einnahmen geführt, noch entsprechende Steuern abgeführt hatte. [5] Da die Lieferungen von den Kunden immer direkt bei den Kellereien bezahlt worden waren, war Sussmann Strauss davon ausgegangen, keine steuerlich relevanten Einkünfte zu haben. Obwohl man ihm keine bewusste Steuerhinterziehung unterstellte, sah man das beim Finanzamt dennoch anders und forderte recht beträchtliche Steuernachzahlungen, sowohl bei der Einkommen- als auch bei der Umsatzsteuer. Hinzu kam ein Strafbescheid in der Höhe von 570 RM. Strauss konnte das alles nicht zahlen: „Was nicht geht, geht nicht“, schrieb er dem Amt.[6]

Er verwies nicht nur auf die Einschränkung, die er bezüglich der Wohnsituation bereits auf sich genommen hatte, sondern legt auch dar, dass die Familie ohne irgendein relevantes Einkommen sei, zumal auch die Tochter, gemeint war Grete, arbeitslos sei und sie deshalb alle von der Jüdischen Winterhilfe und der Unterstützung durch Verwandte leben müssten. Sein Schwiegersohn kaufe seit Jahren Kleidung und Lebensmittel für sie.

Der Satz, „Sie werden bestimmt meine Lage verstehen und dass ich auch heute als Nichtarier im Alter von 66 Jahren einen schweren Standpunkt habe“, war zwar mutig, aber gänzlich wirkungslos.[7] Man blieb unter Verweis auf das „gesunde Volksempfinden“ bei den Forderungen auch bezüglich der Strafe und drohte ihm bei Nichtzahlung die Inhaftierung an.[8]

Nach den vorhandenen Unterlagen ist es zwar dazu nicht gekommen, aber der erneute Versuch des Finanzamts im November 1936 Steuerschulden in Höhe von 555 RM einzutreiben, führten dazu, dass Sussmann Strauss noch im gleichen Monat einen Offenbarungseid leisten musste.[9] Nur einen Monat später, am 6. Dezember 1936, verstarb er, sicher nicht zuletzt wegen der Haftandrohung, die als Damoklesschwert über ihm und seiner Familie hing.

Ohne die Verwandten wäre die Lage für Grete und ihre Mutter völlig aussichtslos gewesen. Schon in der Steuererklärung 1936 hatte sie in einer Anlage aufgelistet, welche Zuwendungen sie beide von diesen erhielten. An erster Stelle steht ein David Strauss, der damals wie auch in den folgenden Jahren in Mailand lebte und die Familie Strauss kontinuierlich mit recht hohen Beträgen unterstützte. In diesem Jahr 1936 hatte er ihnen mit Genehmigung der Devisenstelle 950 RM, im folgenden Jahr 1358 RM und 1938 sogar 2000 RM zukommen lassen.[10]

Kleine Beträge kamen auch von inländischen Verwandten. Zunächst war in der Steuererklärung 1936 noch die Tochter Erna, damals noch Fuß, wohnhaft in Frankfurt, als Schenkerin erwähnt, daneben Rosa Strauss aus München – auch hier ist nicht klar, zu welcher Strauss-Linie sie gehörte, Bertha bezeichnet sie nur als „Schwägerin“ – und noch Frieda Schloss aus Nürnberg, die Schwester Berthas. Sie war es auch, die vor ihrer eigenen Emigration 1938 die Familie der Schwester noch mit einer größeren Schenkung bedachte, in der Hoffnung, wie sie schrieb, auf diese Weise den Zurückgebliebenen längerfristig eine gewisse Sicherheit zu gewähren:

„Meine Lieben,
Nachdem es mit unserem Fortgehen bald Ernst
(sic!) wird und ich mir später keine Sorgen für Euch machen möchte, habe ich heute von meinem Depot 5.000 M Rhein.Hyp.Goldpfandbr.
an die dortige Dresdner Bank schicken lassen. Falls ihr noch kein Depot besitzt, wird euch damit eins eröffnet, denn ich nehme an, dass ihr keines habt.
Dass ihr mit dem Geld möglichst haushälterisch umgeht, ist selbstverständlich. Nachdem du, liebe Bertha als auch Gretel so oft krank seid, ist es mir eine Beruhigung, Euch für die nächsten Jahre geholfen zu haben.
Eure Frieda“
[11]

Im folgenden Jahr erhielten Mutter und Tochter noch einmal einen Betrag von 2.000 RM von der Schwägerin Rosa Strauss, möglicherweise zur Finanzierung der eigenen Auswanderung, denn Bertha erwähnte den Betrag gegenüber dem Finanzamt in einem solchen Zusammenhang. Da sie mit ihrer Tochter auswandern wolle, habe sie den Betrag für die dafür notwendigen Anschaffungen gebraucht. Das Geld sei aufgebraucht und sie bat daher um die Absenkung der fälligen Steuervorauszahlung.[12]

Ob die Auswanderung eine realistische Perspektive war, sei dahingestellt, gelungen ist sie nicht mehr. Stattdessen mussten Mutter und Tochter am 30 Juli 1940 in das Judenhaus in der Adelheidstr. 94 ziehen. Sie erhielten hier in der dritten Etage, wo auch die große Familie Seelig und Irma Strauss wohnte, ihr Quartier

Am 3. April 1941 wurde auch für Bertha Strauss noch eine JS-Mappe angelegt und die Devisenstelle Frankfurt verlangte eine aktuelle Vermögens- und Einkommensaufstellung. Wie üblich gewährte man den vorläufigen Freibetrag von 300 RM.

In der Rückantwort, in der Bertha mitteilte, dass sie weder ein Vermögen, noch ein Bankkonto besäße, ist erstmals der Schwiegersohn Otto Simon-Wolfskehl,[13] der neue Ehemann von Erna, explizit erwähnt. Von ihm bekomme sie monatlich 50 RM und Grete, die mit ihr zusammenlebe, arbeite bei Blendax in Mainz. Ansonsten habe sie keine Einkünfte.[14] Eine Sicherungsanordnung schien der Devisenstelle angesichts dieser Situation nicht notwendig zu sein.

Auf Ernas Gestapo-Karteikarte ist mit Bleistift vermerkt: „verheiratet, Frankfurt a/M. Josef Haydnstr. 56“ Auf welchen Zeitraum sich das bezieht ist unklar. Unter der alten Wiesbadener Adresse Bismarckring 27 steht ebenfalls mit Bleistift, aber anders als bei ihrer Mutter Bertha ohne Einzugsdatum, auch noch „Adelheidstr. 94“.Es wird sich aber kaum um eine wirkliche Wohnanschrift gehandelt haben, denn beim Zensus 1939 war sie bereits mit Otto Simon-Wolfskehl verheiratet und lebte auch da schon mit ihm zusammen in Frankfurt unter der gleichen Adresse.[15] Vermutlich wird sich bei diesem Eintrag eher um eine Art Kontakt-Vermerk der Gestapo gehandelt haben.

Erna und ihr Mann waren die ersten der Familie, die den Marsch in die Todeslager im Osten antreten mussten. Beide wurden zusammen am 19. Oktober 1941 mit etwa 1150 weiteren Juden vornehmlich aus dem Frankfurter Westend am frühen Morgen aus ihren Wohnungen geholt und vor aller Augen durch die Straßen zur Großmarkthalle getrieben. Am nächsten Tag wurden sie von dort aus zunächst in das Getto Lodz / Litzmannstadt deportiert, [16] wo die Arbeitsfähigen zur Zwangsarbeit für die deutsche Wirtschaft und die Belange des Militärs selektiert wurden. Im Frühjahr 1944 hatten Himmler und der Gauleiter des Warthegaus Greiser die Liquidation des Ghettos beschlossen und die noch lebenden Bewohner wurden in mehreren Transporten dem etwa 70 km nordwestlich gelegenen Vernichtungslager Chelmo / Kulmhof zugeführt. In diesem KZ, in dem im Dezember 1941 die ersten Tötungsexperimente mit Gaswagen gemacht worden waren, wurden in den drei Wochen zwischen dem 24 Juni und dem 7. Juli 1944 mehr als 7.000 Juden auf diese Weise umgebracht. Laut Gedenkbuch des Bundesarchivs waren am 28. Juni Erna und ihr Mann Otto Simon-Wolfskehl unter den Getöteten.[17]

Bertha Strauss und ihre Tochter Grete wurden erst ein dreiviertel Jahr später mit dem großen Transport vom 10. Juni 1942 von Wiesbaden aus über Lublin in das Todeslager Sobibor verbracht und dort unmittelbar nach ihrer Ankunft umgebracht.

 

 

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Anmerkungen:

 

[1] HHStAW 685 787a (1).

[2] Erna ist allerdings im Jüdischen Adressbuch von 1935 nicht aufgeführt, hat also möglicherweise zu dieser Zeit woanders gewohnt.

[3] HHStAW 685 787a (9).

[4] HHStAW 685 787 (46).

[5] Zu den Kellereien, die er damals vertrat, gehörte auch die noch heute bestehende Sektkellerei Graeger, siehe HHStAW 685 787a (1).

[6] HHStAW 685 787a (9).

[7] Ebd.

[8] HHStAW 685 787 (11) „Im übrigen würde es jeder gesunden Volksauffassung zuwiderlaufen, wenn eine Strafe, die unter Berücksichtigung aller Umstände an und für sich auch schon gering bemessen worden ist, nun auch noch auf Grund zahlreicher Versuche durch den Verurteilten nicht wirksam werden sollte.“

[9] HHStAW 685 787a (22) Auch die Umsatzsteuerakten ab 1936 enthalten immer wieder die Bitte um Nachlass bei den Steuervorauszahlungen.

[10] HHStAW 685 787d (31a, 33a, 35) Ob es ein Verwandter der väterlichen oder mütterlichen Familie Strauss handelte, war nicht zu ermitteln. Die Schenkungen, die vom Auswanderersperrguthaben des David Strauss stammten, wurden von der Devisenstelle Nürnberg, die für David Strauss zuständig war, immer mit dem Vermerk „streng vertraulich“ an die für Bertha Strauss zuständige Devisenstelle in Frankfurt gemeldet. Sie z.B. HHStAW 685 787a (28, 28a).

[11] HHStAW 685 787d (40).

[12] HHStAW 685 787a (46) Offensichtlich war man ihr aber nicht entgegengekommen, denn sie bat im Dezember erneut um Geduld und man möge doch von Zwangsmaßnahmen absehen, ebd. (50).

[13] Otto Ferdinand Simon-Wolfskehl war am 5. Juli 1889 in Mainz geboren worden.

[14] HHStAW 519/3 30304 (3).

[15] Siehe  den entsprechenden Eintrag in der Database des German Minority Census von 1939 – https://www.tracingthepast.org/index.php/en/minority-census/census-database/census-database?cck=minority_census&last_name=Simon-Wolfskehl&first_name=&maiden_name=&place_of_birth=&birth_year_for_search=&street=&city=Frankfurt&boxchecked=0&search=minority_census_search&task=search.

[16] Siehe Gottwaldt, Alfred, Schulle, Diana, Die Judendeportationen aus dem „Deutschen Reich“ 1941-1945, Wiesbaden 2005 S. 72 f.

[17] Die Datenbank, die die Namen dieses Transports von Lodz nach Chelmno enthält, bestätigt diese Angabe aber nur für Erna. Der Name ihres Mannes konnte von mir nicht verifiziert werden. Die Adresse von Erna in Lodz war Bier 10, sie hatte die Transportnummer 28. Ihr Name ist allerdings fälschlicherweise als Erna Simon-Wolstadt angegeben. Siehe http://search.ancestry.de/cgi-bin/sse.dll?_phsrc=JnC30&_phstart=successSource&usePUBJs=true&indiv=1&db=JG_JG0114&gss=angs-d&new=1&rank=1&msT=1&gsln=Simon&gsln_x=0&MSAV=1&uidh=ij1&pcat=34&fh=6&h=5634&recoff=5&ml_rpos=7

Transport- und Geburtsdatum stimmen aber mit den bekannten Daten überein, sodass eine Verwechslung ausgeschlossen werden kann. Zudem gibt die Datenbank, auf die Bezug genommen wird den Namen richtig an, siehe http://search.ancestry.com/cgi-bin/sse.dll?_phsrc=JnC31&_phstart=successSource&usePUBJs=true&indiv=1&db=findagraveglobal&uidh=000&rank=1&new=1&msT=1&gsfn=Erna&gsln=Simon-Wolfskehl&gss=angs-d&MSAV=-1&gsfn_x=XO&gsln_x=XO&cj=1&gs1pl=1,%20&srchb=r&gs1co=1,All%20Countries&pcc=2&prox=1&select=2,Any%20Locality&netid=cj&o_xid=0002370638&o_lid=0002370638&o_sch=Affiliate%20External&noredir=true&pcat=34&fh=0&h=4828829&recoff=&ml_rpos=1.