Jettchen und Elisabeth Leopold

Etwa zu der Zeit als Kehs ihre Emigration in die Wege leiteten, waren die beiden Schwestern Jettchen und Elisabeth Leopold in die Adelheidstr. 94 eingezogen. Ob es einen direkten Zusammenhang zwischen dem Auszug der einen und dem Einzug der anderen gab, ist nur schwer feststellbar, da nicht klar ist, wann genau Kehs ihre Wohnung geräumt hatten und zudem unbekannt ist, in welcher der Wohnungen die beiden Schwestern laut Gestapo-Kartei am 30. März 1939 eingezogen waren.

Zuvor hatten sie in der Schenkendorffstr. 3 gewohnt, wo sie nach ihrem Umzug nach Wiesbaden zunächst bei ihrem Schwager Karl Trief und ihrer Schwester Frieda untergekommen waren.[1] Ihr Haus in Kettenbach war wohl nicht vor allzu langer Zeit an die Passavantwerke in Michelbach verkauft worden. Diese zeitliche Abfolge legt die Anfrage der Vereinsbank Wiesbaden bei der Devisenstelle Frankfurt vom 4. Juli 1939 nahe, in der diese eine Bitte der beiden Schwestern weitergabt, ihnen jeweils 300 RM von dem gesicherten Konto freizugeben, auf dem der Verkaufserlös des Hauses von jeweils 2.750 RM hatte festgelegt werden müssen. Sie begründeten ihren Antrag mit der notwendigen Anschaffung von Möbeln, die sicher mit dem Einzug in die Adelheidstr. 94 notwendig geworden war. Auch baten sie darum, dass man ihnen jeweils monatlich die gleiche Summe für ihren Lebensunterhalt bereitstellen möge.[2]

Die drei Schwestern stammten aus Kettenbach im Untertaunus, wo sie, Frieda, die Ehefrau von Karl Trief, am 24. September 1882, Jettchen am 29. September 1884 und Elisabeth am 16. August 1891 als drei der wohl insgesamt sechs Kinder des Viehhändlers Loeb Leopold und Röschen, geb. Simmon, geboren worden waren.[3]

Jettchen und Betty Leopold waren unverheiratet geblieben. Der Grund wird vermutlich darin zu suchen sein, dass Elisabeth / Betty, wie auch ihr Bruder Isidor, seit langem unter einer psychischen Erkrankung litt, weshalb sie nach einem Aufenthalt im Wiesbadener Krankenhaus im Oktober 1927 mit der Diagnose Paranoia in die Heilanstalt Eichberg eingeliefert worden war. Nach einem Jahr hatte man sie aber wieder „in die Familie entlassen“, nachdem sie bereits mehrfach bei ihrem Schwager Karl Trief und ihrer Schwester in „Urlaub“ gewesen war und sich hier deutliche Verbesserungen ihres Zustandes eingestellt hatten.[4] Es wird die Schwester Jettchen gewesen sein, die sich in der Verantwortung sah und deshalb bei ihr blieb. Zunächst hatte man auch auf der Devisenstelle für beide Schwestern nur eine gemeinsame DS-Akte angelegt, am 29. April 1940 aber verfügt, dass Jettchen aus der Akte JS-4463 zu streichen sei und für sie eine eigene erstellt werden solle. Die beiden Schwestern gaben bei der geforderten Vermögenserklärung, obwohl sie auch weiterhin zusammen wohnten, nun jeweils auch einen eigenen Haushalt an. Jettchen bezifferte ihren monatlichen Bedarf auf 100 RM, Betty auf 120 RM. Als Vermögenswerte waren bei beiden zu diesem Zeitpunkt noch etwa 2.500 RM aus dem Hausverkauf auf den Sperrkonten vorhanden.[5]

Neben den Freibeträgen konnte zumindest Betty 1941 durch ihre Arbeit bei der ‚Wiesbadener Verbandstofffabrik Söhngen’ ihr Einkommen leicht aufbessern. Sie bat die Devisenstelle den Wochenlohn in bar entgegennehmen zu dürfen, was ihr auch gewährt wurde.[6] Wie hoch ihr Lohn war, gab sie in dem Schreiben nicht an. Es wird nicht viel gewesen sein, da es sich vermutlich um Zwangsarbeit handelte.[7] Daneben wurden die beiden auch von ihrem Schwager Karl Trief bzw. von ihrer Schwester Frieda finanziell unterstützt. Im Mai 1939 hatte Karl Trief die Devisenstelle um die Freigabe von 1.000 RM ersucht, um damit seine kranke Frau und die beiden mittellosen Schwägerinnen zu unterstützen.[8] Dass es sich hierbei nicht um eine einmalige Zahlung handelte, kann man vermuten, denn noch im Juni 1940 teilte Jettchen ihrem Schwager gemäß den Bestimmungen der Sicherungsanordnungen mit, dass Zahlungen an sie zukünftig nur noch über das gesicherte Konto bei der Vereinsbank Wiesbaden laufen dürften.[9]

Über das Leben der beiden Schwestern in der Zeit danach bis zu ihrer Deportation am 10. Juni 1942 sind keine Spuren mehr zu finden. Das kurze Schreiben, in dem der Wiesbadener Vereinsbank von der Devisenstelle Frankfurt am 1. Juli 1942 der Einzug des restlichen Vermögens von Betty und Jettchen Leopold mitgeteilt wurde, markiert das verwaltungsmäßige Ende dieser beiden Leben.

Am 10. Juni 1942 waren sie über Lublin in das Vernichtungslager Sobibor überführt und wohl unmittelbar nach ihrer Ankunft in den Gaskammern ermordet worden. Auf Antrag ihrer Nichte Irma Falk, geb. Trief, wurden sie 1950 vom Amtsgericht Wiesbaden für tot erklärt.

 

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Anmerkungen:

 

[1] In der Gestapo-Kartei ist bei Jettchen Leopold allerdings bei der Adresse vermerkt „bei Salomon“, Vermutlich handelt es sich hier aber um einen Fehler in der Zeilenzuordnung und sie haben in der Adelheidstr. 94 „bei Salomon“ gewohnt. Dieser Zusatz, der sich bei vielen Bewohnern des Adelheidstr. 94 auf ihrer Gestapo-Karteikarte finden lässt, verweist vermutlich nur auf die Hauseigentümerin Amalie Salomon, nicht unbedingt auf die Wohnung selbst.

[2] HHStAW 519/3 3612 (2) Ein Verkaufsdatum des Hauses enthält die Akte leider nicht. Die Gelder wurden von der Devisenstelle Frankfurt freigegeben.

[3] Die Namen Eltern sind der Krankenakte von Betty Leopold zu entnehmen, siehe HHStAW 430-1 8386.

Die Stolpersteininitiative Hofheim hat dem Bruder der beiden Schwestern, Adolf Leopold, dessen Frau Mina, geb. Falk, und dem einzigen Sohn Siegmund eine Web-Site gewidmet und auch Stolpersteine vor deren ehemaligem Haus in Wallau in der Langenhainer Str. 14 verlegen lassen. Siehe https://www.hofheim.de/tourismus/Stadtportrait/Stolpersteine/Stolpersteine_in_den_Stadtteilen/180010100000008381.php. (Zugriff: 1.11.2017). Adolf Leopold war 1942 unter nicht geklärten Umständen ums Leben gekommen, allerdings berichteten Zeitzeugen, dass er sich das Leben genommen habe. Seine Frau Mina wurde am 8.6.1942 über Frankfurt nach Izbica verbracht. In welchem Lager sie zu Tode kam, ist nicht bekannt. Siegmund war am 19.3.1942 von der Gestapo verhaftet worden, sein weiteres Schicksal ist ebenfalls ungewiss, doch alle Wahrscheinlichkeit spricht dafür, dass auch er in einem der Lager im Osten zu Tode gekommen war.

Auch die beiden Brüder, Salomon und Isidor, wurden Opfer der Nazis. Salomon wurde am 22.11.41 von Frankfurt in das Lager Kowno deportiert, wo er drei Tage später ums Leben kam. Der psychisch kranke Isidor wurde Opfer der Euthanasiemaßnahmen. Nach seinem Aufenthalt in der Heilanstalt Herborn war er im September 1940 in die Tötungsanstalt Brandenburg a. d. Havel gebracht worden, wo er nach nur 4 Wochen am 1.10.1940 ermordet wurde. Die weiteren Brüder von Jettchen und Elisabeth waren der 1877 geborene Salomon und der 1880 geborene Isidor. Beide wurden Opfer der Shoa.

[4] HHStAW 430-1 8386 (34, 35 ff o.P.), Entlassungsdatum war der 3.2.29.

[5] HHStAW 519/3 3588 (5) und HHStAW 519/3 3612 (7).

[6] HHStAW 519/3 3612 (9).

[7] Die Firma hatte zumindest auch ausländische Zwangsarbeiter in größerem Umfang beschäftigt, siehe http://www.zwangsarbeit.rlp.geschichte.uni-mainz.de/Zwangsarbeiterinnen_MZ-WI.pdf S.18. (Zugriff: 1.11.2017).

[8] HHStAW 519/3 7641 (7) Der Antrag wurde bewilligt.

[9] HHStAW 519/3 3588 (4).